Schneckenleben

 

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Zwiebelfisch

Stille Wässer sind tief

Von Bastian Sick

Wasser hat keine Balken, weiß der Volksmund. Manchmal aber hat Wasser Punkte. In der Mehrzahl zum Beispiel. Aber Moment - kann es mehr Wasser als eines geben? Oh ja, es kann!

Das Leben ist ein ständiger Lernprozess. Jeder Tag bringt neue Einsichten, und sei es nur die Erkenntnis, dass man sich über irgendein total wichtiges Problem noch nie Gedanken gemacht hat. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich mich zum ersten Mal mit der Frage konfrontiert sah, wie die Mehrzahl von "Wasser" lautet: Heißt es Wasser oder Wässer? Was für eine Frage, dachte ich im ersten Moment, Wasser ist doch unzählbar, wieso sollte man davon die Mehrzahl bilden? Andererseits - wieso eigentlich nicht? Schließlich lassen sich selbst aus Luft noch Lüfte machen und aus der unaufhörlich verrinnenden Zeit unterschiedliche Zeiten gewinnen. Warum sollte es dann nicht auch vom Wasser eine Mehrzahl geben? Zumal es Wasser in allen möglichen Formen gibt: als Süßwasser, Salzwasser, Trinkwasser, Kochwasser, Tafelwasser, Leitungswasser, Abwasser, Spülwasser, Badewasser, Waschwasser, Fruchtwasser und Zuckerwasser.

Spätestens beim Preisvergleich im Getränkemarkt drängt sich die Frage nach dem Wasser-Plural auf: Da gibt es nämlich billigere und teurere Mineralwasser ... oder sind es Mineralwässer? Wird das Wasser-"a" im Plural umgelautet? Verschiedene Ableitungen des Wortes sprechen dafür: Gewässer, Bewässerung, entwässern, verwässert, wässrig ... Abgeleitetes Wasser bekommt also oft ein "ä" - aber gilt das auch für die Mehrzahl?

Schaut man sich klangähnliche Wörter an, so findet man den "a"-Klang im Plural unverändert: Gefängniswärter sind keine Aufpässer, sondern Aufpasser, und in einem Schlossereibetrieb arbeiten Schlosser und keine Schlösser. Demnach werden aus Wasser auch keine Wässer. Man kann sprichwörtlich "mit allen Wassern gewaschen sein" - aber kaum "mit allen Wässern".

Das Umlauten ist eine deutsche Spezialität, deren Gesetze in der Praxis unterschiedlich ausgelegt werden. Nicht selten kommt es vor, dass uns jemand ein "ä" für ein "a" vormachen will. Manch einer bastelt aus Strohhalmen "Strohhälme" und zeigt im Internet Bilder von seinen niedlichen "Hünden". Und der Streit darüber, ob der Plural von "Wagen" nun "Wagen" oder "Wägen" lautet, wird wohl nie enden. Darüber sind schon viele Studienratskragen geplatzt - wenn es nicht gar Krägen waren.

Manchmal aber setzen sich Formen durch, die es streng genommen nicht geben dürfte. Bisweilen schafft die Ausnahme nämlich größere Klarheit als die Regel. Daher gibt es auch die Pluralform "Wässer" - und zwar dann, wenn zwischen mehren Wassersorten unterschieden wird. Laut Duden ist es zulässig, in Flüsse und Meere nicht nur Abwasser, sondern auch Abwässer einzuleiten. Und man darf genauso zwischen verschiedenen Mineralwässern unterscheiden wie zwischen Mineralwassern.

Beim Mineralwasser bereitet übrigens nicht nur die Frage des Plurals Probleme, sondern auch die Frage der Zusammensetzung. In der Theaterpause bestelle ich am Erfrischungsstand im Foyer ein Wasser. "Stilles Wasser oder Mineralwasser?", fragt die junge weibliche Bedienung. Ich blicke etwas irritiert und sage: "Ein stilles Mineralwasser, bitte!" Nun ist es an der Bedienung, irritiert zu blicken: "Was denn jetzt - wollen Sie ein Mineralwasser oder ein stilles Wasser?" Mein Versuch, die junge Frau darüber aufzuklären, dass auch stille Wasser (oder Wässer) mineralhaltig seien, dass es also nicht sehr sinnvoll sei, zwischen stillem Wasser und Mineralwasser zu unterscheiden, zeitigt bedauerlicherweise keinen Lernerfolg. Im Gegenteil, sie scheint mich als eine Bedrohung zu empfinden, als jemanden, der ihr Sprudelverständnis ins Wanken bringen will. "Geben Sie mir ein Wasser ohne Kohlensäure, bitte", sage ich - und mache es dadurch nur noch schlimmer. Das Wort "Kohlensäure" ist nämlich längst nicht mehr jedem bekannt. Heute pflegt man vielmehr zwischen Wasser "mit Gas" und "ohne Gas" zu unterscheiden. Das haben wir von den Spaniern übernommen, bei denen man im Lokal "agua mineral con gas" oder "sin gas" bestellt. Wenigstens kein Anglizismus, sondern mal ein Hispanismus.

Die junge Frau am Getränkestand denkt offenbar, Kohlensäure sei ein Mineral, jedenfalls reicht sie mir kurzerhand ein Glas Leitungswasser.

Immerhin noch Wasser. Ein Verkaufsschild vor einem Supermarkt im niedersächsischen Hämelerwald preist an. Chemie war ja nie meine Stärke, aber diese Produktbeschreibung kam sogar mir nicht ganz wasserdicht vor. (Die chemische Formel für Kohlensäure lautet H2CO3.)

Ich trinke das Glas in einem Zug leer und muss aufstoßen. "Nanu", wundert sich meine Begleitung, "hattest du nicht ein Wasser ohne Sprudel bestellt?" - "Du weißt doch", erwidere ich, "stille Wässer sind tief!"
30.8.07 13:29


Immer wieder einmal gerne

Von Bastian Sick

"Dann bekomme ich einmal 2,40 Euro", sagt die Kassiererin, und ich frage mich: Warum sagt sie "einmal"? Denkt sie, ich wollte ihr das Geld womöglich zweimal geben? Eine Kolumne über ganz alltägliche Seltsamkeiten im Verkäuferdeutsch.

Über zwei Wörter stolpere ich in letzter Zeit immer wieder: Das eine lautet "einmal" und das andere "gerne". Das sind zwei ganz gewöhnliche, unspektakuläre Adverbien, die jeder kennt und gern hat und daher nicht nur einmal, sondern womöglich mehrmals täglich gebraucht. Im Dienstleistungsbereich lässt sich der Gebrauch allerdings nicht mehr quantifizieren. "Einmal" ist dort zu einer festen Größe geworden, die zum Verkaufen gehört wie das Kassieren und Verpacken.

"Dann bekomme ich bitte einmal 2,40 Euro von Ihnen!", sagt die Verkäuferin in der Bäckerei, als sie mir die Tüte mit den Brötchen reicht. Warum tut sie das? Warum sagt sie "einmal"? Denkt sie, ich wollte ihr das Geld womöglich zweimal geben? "Einmal die Fahrscheine bitte", brummt der Schaffner im Zug. Streng genommen genügte es, wenn einer der Fahrgäste dem Schaffner zwei Fahrscheine zeigte, denn dann hätte der Schaffner genau einmal mehr als einen Fahrschein zu sehen bekommen, und nichts anderes hat er schließlich verlangt.

Ich gebe zu, dass ich gelegentlich den Überblick verliere. Aber noch merke ich, wenn man mir einen Betrag zweimal in Rechnung stellen will. Wenn die Servierkraft im Café zu mir sagt: "Das wären dann einmal 2,40 Euro für den Milchkaffee und dann noch einmal 3,80 für den Mandelkuchen", dann frage ich mich, warum es wohl "noch einmal" 3,80 Euro sind? Ich bin mir absolut sicher, dass ich davor nichts konsumiert habe, was schon einmal 3,80 Euro gekostet hätte. Es sei denn, die Servierkraft erinnert sich noch an meinen letzten Besuch, aber der liegt bereits einige Wochen zurück. Ihrer Logik zufolge müsste ich insgesamt 10 Euro zahlen: 3,80 plus 2,40 plus "noch einmal" 3,80. Ich bin einigermaßen erleichtert, als es dann doch nur 6,20 Euro sind.

Einmal ist keinmal, wie jeder weiß, darum könnte man das "einmal" getrost weglassen. Für Dienstleister allerdings scheint der Verzicht auf "einmal" undenkbar. Sie lieben dieses Wort nun einmal. Besonders drollig wird's, wenn "einmal" noch verdoppelt wird: "Wollen Sie einmal mal probieren?" oder "Da müsste ich einmal kurz mal im Lager nachschauen." Als ich an der Kinokasse drei Karten für meine Neffen und mich löse, schiebt mir der Verkäufer die Billets mit den Worten zu: "Einmal dreimal." In der Schule lernen wir das Einmaleins; angehende Verkäufer lernen später offenbar noch das Einmalmal hinzu. Ich will damit nicht sagen, dass das Wort "einmal" im Verkäuferjargon unangemessen wäre. Es fällt mir nur auf, das ist alles.

Auch Henry ist es schon aufgefallen. Als wir unsere Rechnung im "Meyers" begleichen wollten und der Kellner zusammenfasste: "Da hätten wir einmal einen Cappuccino und einmal einen doppelten Espresso, das wären dann bei Ihnen einmal 1,90 Euro, und bei dem anderen Herrn einmal 2,60 Euro", da raunte Henry mir zu: "Wenn man alle 'einmal' zusammenzählt, kommt man sogar auf viermal!"

Nicht weniger bemerkenswert als das Einmaleins der Servicekräfte ist die inflationäre Ausbreitung des Wörtchens "gerne" - wahlweise auch "gern" oder "sehr gerne" bis hin zu "aber gerne". Man findet es heute überall dort, wo es früher noch "bitte" oder "nichts zu danken" hieß. Wenn ich mich im Bäckerladen für die Brötchen bedanke, dann erwidert die Verkäuferin neuerdings: "Gerne!" Und selbst der Schaffner führt dieses Wort bereits: Mein automatisch gemurmeltes "Danke" nach dem Abstempeln meiner Karte kontert er mit einem "Gerne!". So gerne wie heute wurde in diesem Land noch nie gedient; vermutlich ist dies die Folge eines neuen Service-Denkens.

Früher hieß es noch "Der Kunde ist König", da war der Verkäufer ein Diener, der die Wünsche des Königs erfüllte, höflich und akkurat, ohne persönliche Regung zu zeigen. Heute ist der Kunde nicht mehr König, sondern zahlender Gast im Ferienclub, und der Verkäufer ist der Animateur, der so tun muss, als sei ihm jede Dienstleistung, jede noch so alltägliche Routine ein persönliches Vergnügen. Denn die Parole lautet: Service ist Spaß! Fast scheint es, als würden sich alle Verkäufer morgens den Mund mit "Gern"-Seife putzen. Im allzu gernen Gebrauch von "gerne" liegt jedoch auch eine Gefahr; denn immer häufiger kommt den Menschen das "gerne" über die Lippen, wenn eher etwas wie "in Ordnung" oder "ganz wie Sie wünschen" gemeint ist. Einige Dialoge auf Gernseifenbasis erinnern daher an absurdes Theater:

Verkäufer: "Kann ich Ihnen helfen?"
Kunde: "Nein danke, ich finde mich schon zurecht."
Verkäufer: "Sehr gerne!"

oder:

Verkäufer: "Einen schönen Tag noch!"
Kunde: "Danke, ebenfalls!"
Verkäufer: "Gern!"

Ist das logisch? Ohne "einmal" und "gerne" käme unsere Sprache nicht aus, man könnte nicht einmal mehr ein Märchen erzählen. Ich stelle mir gerade vor, wie es sich wohl anhört, wenn die Verkäuferin aus der Bäckerei ihren Kindern eine Gutenachtgeschichte erzählt: "Da hätten wir dann einmal eine wunderschöne Prinzessin, und dazu noch einmal einen edlen Prinzen, das macht dann einmal zusammen ein Traumpaar. So, und jetzt wird bitte einmal geschlafen!" - "Gute Nacht, Mami!" - "Sehr gerne!"
1.1.07 10:12


Siezt du noch, oder duzt du schon?

Von Bastian Sick

Der Mensch ist ein soziales Wesen, das heißt, er kommt ohne Ansprache nicht aus. Doch damit beginnen die Schwierigkeiten: Wann sagt man "Du" und wann "Sie"? Die Wahl des richtigen Anredepronomens ist manchmal eine äußerst heikle Sache.

Das Älterwerden bringt manche Probleme mit sich. Man stellt fest, dass man beim Laufen schneller außer Atem gerät als noch mit Anfang 20, der Körper braucht länger, um sich von Alkoholexzessen zu erholen, man behält am Strand lieber mal das T-Shirt an und fühlt sich auf Massenveranstaltungen zunehmend unwohl. Und noch etwas ändert sich: Der Umgang mit Gleichaltrigen. War es früher noch ganz selbstverständlich, jemanden, der ungefähr im gleichen Alter war, mit Du anzusprechen, so will die Wahl des korrekten Anredepronomens ab 30 gut überlegt sein.

Natürlich ist es auch immer eine Frage des gesellschaftlichen Zusammenhangs. Mein 20-jähriger Neffe, der seit kurzem studiert, duzt natürlich alle Kommilitonen, auch die älteren, so wie es zu meiner Studentenzeit auch schon war. Aber den gleichaltrigen Angestellten in der Bank siezt er - wegen des förmlicheren Umfelds, wie er sagt. Nach meiner Grundausbildung bei der Luftwaffe war ich derart eingeschüchtert, dass ich sogar einen Obergefreiten gesiezt habe, obwohl der gerade mal ein halbes Jahr älter war als ich, nur weil er einen Streifen mehr auf der Schulter hatte. Der klärte mich darüber auf, dass frühestens ab Unteroffiziersrang gesiezt würde, und nach ein paar Wochen im Schichtdienst und einigen feuchtfröhlichen Feiern siezte ich nicht einmal mehr den Hauptfeldwebel.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie aufregend es war, als wir in der 10. Klasse plötzlich von den Lehrern gesiezt wurden. Vor den Sommerferien hatte es noch "Bastian, hör auf zu schwatzen!" geheißen, und nach den Sommerferien dann: "Bastian, bitte mäßigen Sie sich!" Welch eine Aufwertung! Bei einer solchen Anrede fiel es mir nicht schwer, mich zu mäßigen. Wenigstens für die nächsten 10 Minuten.

In früheren Jahrzehnten war das Siezen auch unter jüngeren Menschen gleichen Alters üblich. Das kann man noch heute in Spielfilmen aus den fünfziger und sechziger Jahren sehen, in denen sich die jungen Hauptdarsteller zunächst ganz förmlich mit "Sie" anreden - bis es zum ersten Kuss kommt. Danach geht es nahtlos in "Du" weiter.

Infolge des gesellschaftlichen Wandels nach 1968 ist das Siezen in vielen Bereichen stark zurückgegangen. Heute duzt man sich auch schon vor dem ersten Kuss. Auch unter Arbeitskollegen findet man heute schneller zum Du als noch vor dreißig oder vierzig Jahren. In einigen Einzelhandelsunternehmen wird allerdings erwartet, dass die Kollegen einander beim Nachnamen rufen, und so kommt es gelegentlich zu kuriosen Situationen, wenn nämlich die Verkäuferin an der Kasse ihre Kollegin um Hilfe bittet und einmal quer durch den Laden ruft: "Frau Maier, kannst du mal nachsehen, was die Kondome kosten?"

Bei Ikea wird man fast ständig und überall geduzt. Das hat aber nichts mit lockeren Manieren oder einem neuen Kumpeldenken zu tun, sondern ist Teil der Imagekampagne. Weil Ikea ja aus Schweden kommt und die Schweden sich untereinander alle duzen, wird auch der deutsche Kunde geduzt - um ihm ein Gefühl von "tipis sverige Snörrigkeit" zu vermitteln. Den Werbespruch "Wohnst du noch, oder lebst du schon?" kann man noch als forsch-frische Provokation stehen lassen, die vor allem an eine jüngere Zielgruppe gerichtet ist. Doch Kunden ab Mitte vierzig stutzen, wenn ihnen in ihrer örtlichen Ikea-Filiale über Lautsprecher die neuesten Angebot entgegengeduzt werden: "Hej, jetzt kannst du dein Badezimmer komplett neu einrichten und dabei noch sparen!" oder "In unserem Restaurant warten heute wieder viele leckere Spezialitäten auf dich!".

Dabei handelt es sich um Bandansagen, die vermutlich in allen deutschen Ikea-Filialen abgespielt werden. Interessant wird es, wenn ein Zwischenruf des deutschen Personals ertönt. Dann ist es mit der Duz-Herrlichkeit nämlich plötzlich vorbei: "Gesucht wird der Halter des Fahrzeugs mit dem Kennzeichen DU DA 496. Bitte melden Sie sich umgehend an der Information!" Die Wirkung wäre nicht dieselbe, wenn es hieße: "Bitte melde dich an der Information!" Die Älteren würden denken, es würde nach einem Kind gesucht, das aus Småland ausgebrochen ist, und lächelnd ihrer Wege gehen.

Den Kunden freut's, wenn's was im Dutzend billiger gibt, aber nicht jeder billigt das Duzen. Das gilt auch für manche Mitarbeiter. Ein Angestellter des Bekleidungshändlers Hennes & Mauritz hat sogar gegen die von oben verordnete Duzerei geklagt. Doch das Gericht konnte keine Verletzung der Menschenwürde feststellen, verwies stattdessen auf die "Üblichkeit im Betrieb" und entschied zugunsten des Beklagten. Da wird manch einer in der Firmenleitung von H&M aufgeatmet und gedacht haben: "Herr Richter, ich danke dir!"

Berauscht vom Wir-Gefühl der Fußballweltmeisterschaft stellte die "Bild"-Zeitung ihren Lesern im Sommer die Frage: "Wollen wir uns alle duzen?" Als Befürworter der wahllosen Rudelduzerei wurde unter anderem Dieter Bohlen genannt. Der hatte sich sein persönliches Grundrecht, einen Polizisten zu duzen, immerhin gerichtlich verbriefen lassen. Als weiterer Kronzeuge in Sachen "Du, du, du!" wurde der Pressesprecher von Ikea zitiert: "Bei uns wird nur der König gesiezt!" Was eigentlich zur Folge haben müsste, dass bei Ikea-Deutschland das "Du" wieder abgeschafft wird, denn in Deutschland sind schließlich alle Kunden Könige. Aber das wissen die bei Ikea vielleicht nicht.

Kinder im Vorschulalter duzen alles und jeden, die Kindergärtnerin genauso wie den Nachbarn und die Eltern der Spielfreunde. Irgendwann machen sie die verwirrende Entdeckung, dass sich die Welt der Erwachsenen in Dus und Sies teilt. Die Umstellung auf das "Sie" erfolgt aber nicht von einem Tag auf den anderen, schließlich muss man sich erst daran gewöhnen. So wurde unsere Grundschullehrerin im ersten Jahr von vielen noch geduzt, während andere Schüler sich bereits aufs Siezen eingestellt hatten.

Vor der Wasserrutsche in der Alsterschwimmhalle herrscht immer starker Andrang. Als ich nach geduldigem Warten endlich an der Reihe bin, kommt ein ungefähr sechsjähriger Junge wie aus dem Nichts angeschossen, noch triefend von der letzten Rutschpartie, und fragt mich atemlos: "Kann ich vor dir?" Ich lächle ihn an und nicke. Er hüpft hinein ins Vergnügen. So einfach kann das Leben manchmal sein.
26.12.06 17:25


Was man nicht in den Beinen hat...

Von Bastian Sick

Feststehende Redewendungen sind längst nicht so fest, wie man meint. Viele wackeln, dass einem ganz schwindlig wird. Aber das hat auch sein Gutes. Denn verdrehte Redensarten sind das tägliche Brot in der Salzsuppe unserer Sprache.

Um eine fremde Sprache zu beherrschen, bedarf es nicht nur der Kenntnisse des Vokabulars, der Grammatik und der Aussprache. Die größte Hürde stellen die sogenannten Idiome dar: Das sind feststehende Wortgruppen, die nur in ganz bestimmten Zusammenhängen einen Sinn ergeben. Wenn man zum Beispiel etwas nicht bemerkt oder übersieht, dann hat man "Tomaten auf den Augen". Die Annahme, dass Tomaten generell für eingeschränkte Sinneswahrnehmung stehen, ist nicht richtig. Wer etwas nicht hört, der hat keinesfalls "Tomaten auf den Ohren". Stattdessen hat er "Bohnen in den Ohren".

Derlei lexikalisierte Fügungen gibt es Tausende in jeder Sprache. Oft lassen sie sich nicht wortgetreu übersetzen. Mit der deutschen Feststellung "Er fällt mir auf den Wecker!" kann weder ein Engländer ("He's falling on my clock") noch ein Franzose ("Il me tombe sur le reveil") etwas anfangen. Auf Englisch heißt es "He gives me the hump" (wörtlich: Er macht mir einen Buckel) und auf Französisch "Il me casse les pieds" (wörtlich: Er bricht mir die Füße). Mit wörtlicher Übersetzung kommt man nicht weit. Es hilft leider nichts: Um sich halbwegs sicher auf dem glatten Parkett einer Fremdsprache bewegen zu können, muss man ihre Idiome mühsam auswendig lernen.

Das gilt natürlich auch für die Muttersprache. Denn nicht nur das fremdsprachliche Terrain ist mit idiomatischen Stolpersteinen gepflastert. Auch im Deutschen kann man sich leicht vertun. So passierte es zum Beispiel Uwe Ochsenknecht, der in einem Fernsehinterview über seinen Filmpartner Armin Rohde schwärmte: "Dieser Mann ist ein Herz und eine Seele."

Einige Menschen scheinen immer am falschen Fuß zu frieren, denn in der Zeitung liest man gelegentlich, wie jemand "auf dem kalten Fuß erwischt" worden ist. Die "Berliner Zeitung" wusste den "kalten Fuß" sogar noch eiskalt zu steigern. In einem Artikel über den Bundestagswahlkampf 2005 konnte man lesen: "Die geplanten Neuwahlen haben die CDU/CSU auf dem kalten Fuß erwischt, auf einem schon fast erfrorenen aber im Bereich der Kultur." Füße scheinen übrigens ein grundsätzliches Sprachproblem darzustellen. Über Füße stolpert man jedenfalls besonders oft. Ein Mitarbeiter der Weltgesundheitsorganisation (WHO) klagte in einem Interview mit der "Basler Zeitung" über die Schwierigkeiten im Kampf gegen die Ausbreitung der Vogelgrippe und kam zu dem Schluss: "Mit den konventionellen Maßnahmen stehen wir auf verlorenem Fuß."

"Lieber ein Schreck mit Ende, als wenn es so weitergegangen wäre", sagte Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust, nachdem er den erpresserischen Innensenator Ronald Schill entlassen hatte. Pierre Littbarski ist da anderer Meinung, denn von ihm stammt der Ausspruch: "Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schreck mit Ende." Aber alle sind sich grundsätzlich darin einig, dass es einen Schrecken ohne Ende nicht geben darf. So erhob der DFB-Präsident Theo Zwanziger in einem Interview zum Hoyzer-Skandal mehrmals die Forderung, es müsse nun endlich "ein Schlusspunkt gezogen werden".

Bei solch wunderbaren Worten muss ich natürlich an meine Freundin Sibylle denken. Denn die ist eine Sprachakrobatin ganz besonderer Art. Sie versteht es meisterlich, mit bekannten Redewendungen zu jonglieren und dadurch neue Wendungen entstehen zu lassen, die zwar nicht immer einen Sinn ergeben, dafür aber an Originalität kaum zu übertreffen sind. Zu ihrem Repertoire gehören unübertroffene Aussprüche wie "Ab durch die Post!" und "Das ist die Kehrmedaille." Und manchmal hat sie auch schon "in beiden Stühlen" gesessen. "Klar, das Auge sieht bekanntlich mit", weiß sie, und: "Jetzt mal Schwamm beiseite", denn "sonst wecken wir noch schlafende Hühner!"

Sibylles einmaliges Talent als Wortverdreherin entwickelte sich schon sehr früh. Als Kind glaubte sie nicht nur an den Weihnachtsmann und den Osterhasen, sondern an noch so manches andere, wie zum Beispiel an "einäugige Zwillinge". "Ich dachte wirklich, die heißen so", sagt Sibylle heute und lacht. Damals fand sie das freilich gar nicht komisch, und das Phänomen der "einäugigen Zwillinge" hat ihr Rätsel aufgegeben.

Nach ihrer Ausbildung hätte sie sich als Dekorateurin selbstständig machen können, aber sie hatte keine Lust, "Klingeln zu putzen". Stattdessen hat sie als Tagesmutter gearbeitet. Doch auch das war "nicht das Wahre vom Ei", sagt sie rückblickend. Sie war es leid, dass ihre Wohnung nach Abholung der Kinder immer aussah, als wäre "eine Bombe eingebrochen". Ins Dekorationsgeschäft kann sie inzwischen nicht mehr zurück: "Der Zug ist abgelaufen", meint sie.

Sibylles Musikgeschmack ist nicht besonders differenziert. Sie hört alles "querfeldbeet", wie sie sagt. Früher hat sie sehr für Julio Iglesias geschwärmt, aber inzwischen sei "sein Zenit am Sinken", und als sie das letzte Mal in einer CD-Abteilung nach Julio Iglesias gesucht habe, wusste der Verkäufer nicht einmal mehr, wer das ist, und hat sie allen Ernstes gefragt, ob sie nicht Enrique Iglesias meine. Seitdem bestellt sie ihre CDs lieber im Internet. Dort nimmt sie auch an Auktionen teil, ersteigert leidenschaftlich gern irgendwelche unnützen Dinge und ärgert sich immer maßlos, wenn ihr mal wieder jemand etwas "vor den Fingern weggeschnappt" hat.

Sibylle engagiert sich sehr für ihre Freunde. Wer immer Hilfe braucht - sei's beim Montieren eines neuen Regals oder bei der Erörterung von Beziehungsproblemen - der kann auf sie zählen. "Ich habe eben eine soziale Strähne", sagt sie. Eigentlich ist Sibylle ja sehr tierlieb, daher bin ich nicht sicher, ob sie sich der Bedeutung ihrer Worte im Klaren ist, wenn sie einem Touristen erklärt: "Da können Sie zu Fuß hingehen. Das ist von hier nur einen Katzenwurf entfernt!"

Als ihre Schwester schwanger wurde, war Sibylle total überrascht. "Da bin ich aus allen Socken gefallen", berichtete sie mir später. Inzwischen geht ihr Neffe in die achte Klasse, steckt mitten in der Pubertät und hat Probleme in der Schule. "Wenn der sich nicht auf die Hammelbeine stellt, dann bleibt er sitzen", prophezeit Sibylle. Zum Nikolaus hat sie ihm mein Buch geschenkt, und er hat sich nicht mal dafür bedankt. "Da kann einem auch als Tante schon mal die Hutschnur platzen!", empört sie sich.

Bei einer Internetrecherche nach prähistorischen Tieren stieß ich zu meiner Verwunderung auf die Seite des Hochzeitsausstatters confettiwelt.de, der unter der Überschrift "Geldgeschenke kreativ verpackt" folgende Behauptung aufstellte: "Viele Hochzeitspaare wünschen sich Geld- anstatt Sachgeschenke. Sei es nun, da sie ihren Hausstand schon komplett haben oder einfach nur selbst bestimmen wollen, wofür der schnöde Mammut ausgegeben wird." Das wäre Sibylle nicht passiert. Sie hat sich nämlich mit mir zusammen beide Teile des Films "Ice Age" angesehen und weiß, dass Mammuts alles andere als schnöde sind. Zwar könnte sie nicht erklären, woher das Wort Mammon stammt und was es genau bedeutet*, aber dafür hat sie ja mich. Und alles andere steht im Branchenverzeichnis. "Schau am besten in den grünen Seiten nach!", rät Sibylle mir gern.

Nachdem sie sich von ihrem Freund getrennt hatte, sind wir häufiger zusammen ins Kino gegangen, denn Sibylle brauchte etwas Ablenkung. Inzwischen aber scheint ihr Liebesleben wieder in Schwung zu kommen, denn als ich sie letztens fragte, ob sie sich mit mir "Das Parfum" ansehen wolle, schien es ihr nicht zu passen. "Das wird mir zu spät", sagte sie, "bei mir steht morgen um 7 Uhr der Klempner auf der Matratze."
13.12.06 18:17


An? Zu? Geschenkt!

Von Bastian Sick

Beschenkt man sich zu oder an Weihnachten? Am 24. Dezember begehen wir nicht nur das Fest der Lichter und Geschenke, sondern auch das Fest der Sprachwichtel.

Ob man sich zu Weihnachten trifft oder an Weihnachten ist nicht eine Frage von richtig oder falsch, sondern von Nord oder Süd. In Norddeutschland ist die Präposition "zu" verbreitet, im Süden hingegen wird "an" favorisiert. Irgendwo dazwischen gibt es auch Gegenden, in denen man sich auf Weihnachten sieht. Die deutsche Grammatik lässt oft mehr als eine Möglichkeit zu - dies gilt besonders an, auf oder zu Weihnachten, denn schließlich ist die Weihnachtszeit die Zeit der Versöhnung und Großherzigkeit. Es lohnt sich nicht, wegen einer kleinen Präposition einen Streit vom Zaun zu brechen. Der Standard empfiehlt daher, auf die Präposition ganz zu verzichten: Da trifft man sich Weihnachten und sieht sich Ostern wieder. Ganz ohne zu, an oder was-auch-immer.

Es gibt aber noch mehr Fragen - zum Beispiel die, ob Weihnachten eigentlich ein Einzahl- oder Mehrzahlwort ist. Die Endung -en sieht doch verdächtig nach einem Plural aus. Und schließlich gibt es auch das endungslose Wort Weihnacht. Wieso wird "Weihnachten" dann aber wie ein Singular behandelt? Müsste es statt "Kein Weihnachten ohne Geschenke" nicht "Keine Weihnachten ohne Geschenke" heißen? Nun, Weihnachten ist ein ziemlich altes Wort, ein sehr, sehr altes sogar, für das sich bereits im 12. Jahrhundert Belege finden lassen. Laut etymologischem Lexikon beruht das Wort "Weihnachten" auf einem alten Dativ Plural: ze den wîhen nahten hieß es im Mittelhochdeutschen, "in den heiligen Nächten". Damit waren ursprünglich die schon bei den Germanen gefeierten Mittwinternächte gemeint. Der Pluralgebrauch ging im Laufe der Jahrhunderte verloren, und im 18. Jahrhundert schließlich hatte sich der Singular durchgesetzt - weil die heiligen Nächte zusammen als ein Fest wahrgenommen wurden. Der alte umlautlose Dativ "nachten" indes blieb bestehen und wurde nicht zu "nächten". In einigen Regionen des deutschsprachigen Südens tauchten zwar vereinzelt Formen wie "wîhnechten" oder "wîchennächten" auf*, doch tauchten sie früher oder später auch wieder unter. Weihnachten ist schließlich ein Fest der Traditionen, und Tradition fängt bei der Sprache an. Also blieb es beim mittelhochdeutschen "nachten", und zwar nicht nur nachts, sondern auch am Tage: der erste und zweite Weihnachtstag sind sprachlich gesehen eigentlich ein Paradoxon, denn wie kann es gleichzeitig Nacht und Tag sein? Nun, in nördlicheren Gefilden kann es das durchaus, da breiten sich die Winternächte fast über den gesamten Tag aus, und der Weihnachtsmann kommt ja bekanntlich aus dem hohen Norden. Oder etwa nicht?

Nun, vieles spricht dafür, dass er aus den Vereinigten Staaten kommt. Tatsächlich gibt es den Weihnachtsmann in seiner jetzigen Gestalt als rauschebärtigen Mann mit rotem Mantel und Zipfelmütze, der in seinem Schlitten der A-Klasse mit mindestens acht RS (= Rentierstärken) durch die Gegend heizt, erst seit den 20er Jahren. So stellten sich die Amerikaner ihren Santa Claus vor. Und seit 1931 trug der Coca-Cola-Konzern mit einer Werbekampagne maßgeblich zur Verbreitung dieses Weihnachtsmann-Bildes bei. In Deutschland kannte man bis dahin eigentlich nur den Nikolaus, so wie man ihn noch heute im "Struwwelpeter" sehen kann. Unsere heutige Vorstellung vom Weihnachtsmann ist somit ein Amerikanismus.

Doch das ist noch nicht alles: Denn bevor der Weihnachtsmann ein Amerikaner wurde, war er ein Niederländer. Santa Claus geht zurück auf die Figur des Sinterklaas, der mit den Niederländern im 17. Jahrhundert an der amerikanischen Ostküste gelandet war. Und Sinterklaas ist der niederländische Name für Sankt Nikolaus - also sind der Weihnachtsmann und der Nikolaus ein und dieselbe Person. Das mag verwirrend sein, denn wenn der Nikolaus bereits am 6. Dezember den Kindern Süßes und Geschenke in die Schuhe stopft, warum kommt er dann am Heiligabend als Weihnachtsmann noch mal? Besser, wir stellen keine Fragen, sonst kommen am Ende noch die Agentur für Arbeit oder das Finanzamt und nehmen den alten Mann wegen unangemeldeter Nebentätigkeit hops. Und ohne Weihnachtsnikolaus wär's an und zu Weihnachten ganz schön traurig.

*Zum Beispiel in Ludwig Ganghofers "Kasermanndl". Da heißt es: "Schlag ein, Dirndl! Hundert Mark Lohn im Jahr, an Ostern ein neues Gwand, an Weihnächten ein richtigs Präsent und in der Zwischenzeit diemal ein bißl was nach meiner Z'friedenheit. Bist einverstanden?"
29.11.06 20:14


Was meint eigentlich Halloween?

Von Bastian Sick

Was genau sind Anglizismen? Wörter wie "Sale", "U-Turn" und "Chicken Wings" sind englische Fremdwörter. Anglizismen sind etwas anderes: Frühe Vögel zum Beispiel. Oder Dinge, die eine Meinung haben. Kürbisse mit Fratzen. Und Rehe mit Hirschgeweih.

Unter einem Anglizismus versteht der Sprachwissenschaftler ein sprachliches Muster, das aus dem Englischen übernommen wurde und auf den ersten Blick gar nicht unbedingt als englisch zu erkennen ist. Eine Redewendung wie "Der frühe Vogel fängt den Wurm" zum Beispiel ist ein Anglizismus. Sie entstand durch Übersetzung aus dem Englischen ("The early bird catches the worm") und kommt nun als scheinbar deutsche Weisheit daher. Die deutsche Entsprechung lautet nämlich ganz anders: "Wer zuerst kommt, mahlt zuerst."

Auch die immer häufiger zu hörende Phrase "das meint" ist ein Anglizismus. Zitat aus einer Veröffentlichung des Goethe-Instituts: "Die Fort- und Weiterbildung der Älteren, und das meint bereits die über Vierzigjährigen, wird sehr stark vernachlässigt."

Vorbild für diese Konstruktion ist das englische Idiom "that means", und das bedeutet "das bedeutet". Worte, Zeichen und Ereignisse haben keine Meinung, sondern eine Bedeutung. Wer "that means" mit "das meint" übersetzt, ist sich des Bedeutungsunterschiedes zwischen "Bedeutung" (engl. "meaning") und "Meinung" (engl. "opinion") offenbar nicht bewusst. "Kinderarmut, das meint laut Deutschem Kinderschutzbund ein Leben auf Sozialhilfe-Niveau", meinte die "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" (WAZ) in einem Artikel, der sogar noch mit "Armut meint ..." überschrieben war. Dass Armut zwar Ursachen und Auswirkungen, aber keine Meinung haben kann, weil sie kein denkendes Wesen ist, ist offenbar niemandem in den Sinn gekommen. Für die WAZ-Redakteure schien die Phrase "Sinn zu machen".

Am Ende des Tages...

In Wirtschaft und Politik wird immer seltener der Blick in die Zukunft gewagt. Die meisten Voraussagen reichen nur noch bis zum "Ende des Tages". So warf der Vorstandsvorsitzende eines Reifenherstellers der Gewerkschaft vor, sie würde ihn zum Buhmann machen, "um sich am Ende des Tages von der Globalisierung abzukapseln". Auch Edmund Stoiber fürchtet das Ende des Tages: "Wenn wir dieses Wahlergebnis nicht sorgfältigst analysieren", sprach er nach der letzten Bundestagswahl vor Parteimitgliedern, "dann besteht die große Gefahr, dass sich die Union, ihre Anhänger, ihre Wähler, ihre aktiven Mitglieder vor Ort und am Ende des Tages ganz Deutschland daran gewöhnt, dass wir immer Wahlergebnisse irgendwo in den Dreißigern bekommen." Die englische Metapher "at the end of the day" bedeutet "letzten Endes", "schließlich". Für die meisten Deutschen ist das "Ende des Tages" keine rhetorische Figur, sondern nichts anderes als der Abend. Die Verwendung im Sinne von "schließlich" ist ein Anglizismus.

Die meisten heutigen Anglizismen sind in Wahrheit natürlich Amerikanismen, da wir sie nicht aus dem britischen, sondern aus dem amerikanischen Englisch übernommen haben. Und nicht nur Sprachwissenschaftler registrieren Amerikanismen. Auch Landwirte, Förster und Biologielehrer müssen sich mit ihnen auseinandersetzen.

Reh oder Hirsch?

Einer der bekanntesten Amerikanismen ist Walt Disneys Bambi. Wir Deutschsprachigen halten Bambi alle für ein Reh, was es in der Romanvorlage des Österreichers Felix Salten auch ist.* Doch als Walt Disney in den dreißiger Jahren den Stoff erwarb, um daraus einen Zeichentrickfilm zu machen, machte er aus Bambi einen Hirsch. Denn in Amerika gibt es keine Rehe. Stattdessen gibt es dort Weißwedelhirsche, benannt nach ihrem weißen Schwanz (= Wedel). Die amerikanischen Kinder sollten ein Tier sehen, das sie kannten, also wurde das Zeichentrick-Bambi, das 1942 auf der Leinwand erschien, nicht von einer Rehricke, sondern von einer Hirschkuh aufgezogen, und am Ende wächst ihm ein prächtiges Hirschgeweih.

In der deutschen Synchronfassung aus dem Jahre 1950 wurde das Wort "deer" (engl. für Hirsch) wieder mit "Reh" übersetzt. Die Verwechslung wurde durch die Tatsache begünstigt, dass Rehkitze und Weißwedelhirschkälber einander sehr ähnlich sind. Die jungen Kinobesucher schlussfolgerten: Wenn Bambis Mutter ein Reh ist, sein Vater ein Hirschgeweih trägt, dann musste also das Reh das weibliche Pendant zum Hirsch sein. Mehrere Generationen von Schulkindern wuchsen in dem Glauben auf, dass Reh und Hirsch zusammengehören so wie Kater und Katze, Eber und Sau, Erpel und Ente, Bulle und Kuh. Dieser Irrglauben, inzwischen auch als "die Bambi-Lüge" bekannt, hat sich bis heute gehalten. In einer aktuellen Umfrage ermittelte die Deutsche Wildtier Stiftung, dass nahezu zwei Drittel der Kinder (nämlich 62 Prozent) überzeugt sind, das Reh sei die Frau vom Hirsch.

Einer der erfolgreichsten kommerziellen Amerikanismen zeigt uns alljährlich im Oktober seine gruselige Fratze: Mit viel Werbung und Rückendeckung aus Hollywood ist es dem deutschen Einzelhandel gelungen, das amerikanische Kinderschreckfest Halloween auch bei uns in Deutschland einzuführen. "Halloween" hat übrigens nichts mit "Hallo" zu tun, sondern ist die Kurzform von "All Hallows Eve(ning)", zu deutsch: der Abend vor Allerheiligen. Seit es das nun auch bei uns gibt, werden immer mehr Kohl- und Rübenäcker zu Kürbisfeldern umgewidmet. Und Fluggäste wundern sich über die leuchtend orangefarbenen Flecken in der norddeutschen Tiefebene. Der Kürbiskult ist schön für die Landwirtschaft, die jeden Profit brauchen kann. Ob die deutsche Kultur Halloween braucht, konnte noch nicht überzeugend beantwortet werden. Den Kindern dürfte es ziemlich egal sein, solange es Süßes gibt. Aber wenn der frühe Vogel bereits Sinn macht, dann wird am Ende des Tages auch Halloween für jedermann etwas meinen.


23.11.06 07:29


Der Tri-o-logie ihr dritter Teil

Von Bastian Sick

Der Kampf zwischen Dativ und Genitiv geht in die dritte und vorerst letzte Runde: Pünktlich zum Erscheinen des neuen Buchs von Bastian Sick präsentiert SPIEGEL ONLINE das Vorwort.

Beim Aufräumen fiel mir vor einiger Zeit mein erstes Grammatikheft in die Hände. Es musste noch aus der Grundschulzeit stammen. Auf dem Umschlag stand mein Name, und darüber in krakeliger Schrift "Gramatick". Ich weiß nicht mehr, ob ich damals geglaubt habe, Grammatik habe etwas mit "Tick" zu tun und sei etwas für Spinner. Immerhin bin ich sehr bald zu der Erkenntnis gelangt, dass Grammatik nichts mit "Gram" zu tun hat - im Gegenteil. Um künstlerisch oder spielerisch mit der Sprache umgehen zu können, muss man ihren Aufbau kennen und ihre Regeln verstehen. Trotz des immer häufiger beklagten Verfalls unserer Sprachkultur stehe ich mit dieser Überzeugung nicht allein da. Das Interesse an meiner "Zwiebelfisch"-Kolumne und meinen ersten beiden Büchern hat es bewiesen. Und so habe ich weitergeschrieben - mit dem Ergebnis, dass nun der dritte Band über das Schicksal von Dativ und Genitiv vorliegt, jene fröhlichen und zugleich tragischen Helden der deutschen Grammatik.

"Damit ist dem Sick seine Triologie komplett", erklärte meine Nachbarin Frau Jackmann mit einem Augenzwinkern, mit dem sie zu erkennen geben wollte, dass ihr die Sache mit dem falschen "dem sein" schon klar sei. Die andere Sache, die mit der zu lang geratenen Trilogie, war ihr hingegen nicht klar, sonst hätte sie mit beiden Augen gleichzeitig zwinkern müssen. Aber Frau Jackmann kommt aus dem Rheinland, und dort ist manches anders als im Norden. Im Norden ist wiederum manches anders als in Bayern, und in Bayern ist selbstverständlich fast alles anders als in Berlin, wo man dem Akkusativ gern mit den Dativ verwechselt.

In der Fußgängerzone nicht weit von meinem Arbeitsplatz entfernt hat vor einiger Zeit ein Coffeeshop eröffnet, eines jener Schnellcafés nach amerikanischem Vorbild, wie man sie inzwischen in fast jeder Stadt findet. Bei schönem Wetter bestelle ich mir dort gelegentlich einen Milchkaffee im Pappbecher, setze mich hinaus in die Sonne und genieße den Augenblick. Die Pappbecher gibt es in drei Größen: klein, mittel und groß. So heißen sie aber nicht. In dem Coffeeshop heißen die Größen "short", "tall" (mit langem, offenem "o" gesprochen) und "grande", also "kurz", "groß" und "supergroß". Ich bestelle mir immer einen großen Milchkaffee (der in Wahrheit also nur mittelgroß ist), und weil ich ihn draußen in der Sonne trinken will, bestelle ich ihn "zum Mitnehmen". Der junge Mann an der Kasse ruft dann seiner Kollegin am Kaffeeautomaten zu: "Eine tolle Latte to go!" Darüber amüsiere ich mich jedes Mal.

"Eine tolle Latte to go" - das ist kein Deutsch. Das ist aber auch kein Englisch. Ein amerikanischer Tourist könnte mit einer solchen Bestellung vermutlich nichts anfangen. Es ist auch kein Türkisch, auch wenn der junge Mann laut Namensschild "Cem" heißt. "Eine tolle Latte to go" ist moderner Verkaufsjargon, ein buntes Gemisch aus Deutsch, Englisch und Italienisch, wie es an keiner Schule gelehrt wird, und wie es doch mitten unter uns wächst und gedeiht. "Eine tolle Latte to go" ist eines von vielen sprachlichen Phänomenen, die dafür sorgen, dass mir der Stoff so schnell nicht ausgeht.

In diesem Zusammenhang fällt mir ein weiteres Erlebnis ein: Als ich einmal in der schönen Stadt Krefeld war und durch die Fußgängerzone schlenderte, um mich an den Architekturdenkmälern der sechziger und siebziger Jahre zu ergötzen, wäre ich um ein Haar über ein Schild gestolpert, das neben einem Café stand. Darauf waren verschiedene Heißgetränke angepriesen, unter anderem eine "Abend Latte". Mir als Mann war bis dahin eigentlich nur das Phänomen einer Morgenlatte bekannt, aber man lernt eben nie aus. In Krefeld jedenfalls kann man für 2 Euro auch eine Abendlatte bekommen.

Ein anderer, munter sprudelnder (und hoffentlich nie versiegender) Quell der Inspiration sind für mich die unterschiedlichen Regionalsprachen und Dialekte. Nicht überall bekommt man Kaffee oder Brötchen "to go" - manchmal heißt das nämlich so: "Wat wollen Se de Brötchen für? Wollen Se die für zum Hieressen oder für zum Mitnehmen?" Ich weiß nicht, ob das Wort "Hieressen" im Duden steht, und ich bezweifle, dass sich das Aufeinandertreffen der Präpositionen "für" und "zum" mit dem Sprachstandard vereinbaren lässt, aber in einigen Gegenden Deutschlands "da jehört dat so". Die Besonderheiten der deutschen Dialekte gehören zweifellos zu den schönsten Entdeckungen, die ich bei meiner Arbeit gemacht habe. Und täglich lerne ich Neues hinzu.

Dieses Buch enthält die Kolumnen, die im Laufe des vergangenen Jahres auf SPIEGEL ONLINE erschienen sind. Grammatikfreunde und Goldwaagenwörterwieger werden dabei ebenso auf ihre Kosten kommen wie Stilblütensammler, Dialektbestauner und Anekdotenliebhaber; denn es geht sowohl um spannende Themen wie Kongruenz und Adverbien, Syntax und Präpositionen als auch um ganz Alltägliches wie die Kartoffel, den Brotrest, den Urlaub auf Mallorca und den Friseur von nebenan. Ich wünsche allen Lesern eine vergnügliche Lektüre! Aller guten Dinge sind drei - oder, wie meine Freundin Sibylle sagen würde: Gut Ding will Dreie haben!

22.11.06 14:05


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