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Die weibliche Mut

Von Bastian Sick

Mut ist von Alters her eine männliche Eigenschaft. Darum heißt es der Edelmut, der Freimut, der Hochmut. Klare Sache. Doch was ist mit Wörtern wie Anmut, Demut und Schwermut? Die sind weiblich! Sollte der Mut am Ende weniger männlich sein als gedacht?

Beim Erlernen einer Fremdsprache ist man überaus dankbar, wenn man anhand bestimmter Endungen das Geschlecht eines Wortes erkennen kann. Im Italienischen zum Beispiel gilt die Regel, dass Wörter, die auf -o enden, männlich sind: il vino, il cappuccino, il palazzo. Wörter auf -a hingegen sind weiblich: la gondola, la signora, la pizza.

Auch im Deutschen gibt es Endungen, die auf das Geschlecht eines Hauptwortes hindeuten. Wörter, die auf -ung enden, sind weiblich: die Ahnung, die Berührung, die Zeitung. (Und wer jetzt einwenden will, das Wort "Kuhdung" sei aber männlich, der läuft Gefahr, auszurutschen und in selbigem zu landen.)

Das Ärgerliche an den deutschen Endungen ist, dass es bei der Zuordnung des Geschlechts keine hundertprozentige Verlässlichkeit gibt. Zu jeder Regel gibt es mindestens eine Ausnahme, meistens sogar mehrere. Wörter auf -tum sind mehrheitlich sächlich: das Brauchtum, das Königtum, das Wachstum. Das gilt aber nicht für das Wort "Reichtum". Das Anhäufen von Reichtümern hatte offenbar schon immer etwas Männliches. Wer dahinter einen sprachlichen Chauvinismus vermutet, der sei getröstet: auch "der Irrtum" ist männlich!

Ein besonderes Interesse wecken Wörter, die auf -mut enden. Immer wieder wollen Leser von mir wissen, warum der Übermut und der Edelmut männlich seien, die Wehmut und die Schwermut aber weiblich. "Mut" sei doch ein männliches Wort, warum sind dann nicht auch alle Zusammensetzungen männlich? Die Frage ist berechtigt - und nicht ganz leicht zu beantworten. Das Geschlecht hängt nämlich von der Qualität der jeweiligen Eigenschaft ab. Wobei die Grammatik hier nicht zwischen guten (z.B. Edelmut, Freimut, Sanftmut) und schlechten (z.B. Missmut, Wankelmut, Unmut) Gemütszuständen unterscheidet, sondern zwischen lauten und leisen. Genauer gesagt zwischen nach innen gekehrten und nach außen gekehrten.

"Extrovertierte Affektbegriffe sind meist maskulin, introvertierte meist feminin", heißt es in einem Grammatikwerk. Ob solch verblüffender Erkenntnis würde Mister Spock von der "Enterprise" die Augenbrauen hochziehen und sagen: "Faszinierend!" Welch ein Licht wirft dies wiederum auf das Verständnis von Männlichkeit und Weiblichkeit! Hochmut, Übermut und Wagemut werden als extrovertiert und männlich empfunden, Sanftmut, Wehmut und Schwermut als weiblich-introvertiert. Ob das noch zeitgemäß ist? Wenn ich drüber nachdenke, fallen mir mehr wehmütige Männer als Frauen ein, und die Zahl der edelmütigen Frauen in meinem Bekanntenkreis ist nicht kleiner als die der edelmütigen Männer.

Viel rätselhafter aber ist für mich die Tatsache, dass eine derart feine Unterscheidung wie die zwischen extrovertierten und introvertierten Affekten bereits in früheren Jahrhunderten ihren Niederschlag in der Grammatik finden konnte. Woher nahmen die Menschen zu jener Zeit, als Wörter wie Hochmut, Kleinmut, Langmut und Großmut entstanden, jenes hoch entwickelte Sprachgefühl, das es ihnen erlaubte, zwischen nach innen und nach außen gewandten Eigenschaften zu unterscheiden? Heute kann zwar fast jeder Deutsche irgendwie lesen und schreiben, und jeder Zweite war auch schon mal im Fernsehen oder im Radio, aber nur die wenigsten sind in der Lage, ihre Gemütszustände zu beschreiben, geschweige denn, ihnen eine grammatische Qualität zuzuweisen.

Als ich das Phänomen der mutigen Wörter, die mal männlich und mal weiblich sind, vor einer 6. Schulklasse anspreche, meldet sich einer der Schüler ganz aufgeregt und sagt: "Bei uns daheim ist das auch so! Meine Mama heißt Almut und mein Papa heißt Helmut!"
30.8.07 13:32
 


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