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Stille Wässer sind tief

Von Bastian Sick

Wasser hat keine Balken, weiß der Volksmund. Manchmal aber hat Wasser Punkte. In der Mehrzahl zum Beispiel. Aber Moment - kann es mehr Wasser als eines geben? Oh ja, es kann!

Das Leben ist ein ständiger Lernprozess. Jeder Tag bringt neue Einsichten, und sei es nur die Erkenntnis, dass man sich über irgendein total wichtiges Problem noch nie Gedanken gemacht hat. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich mich zum ersten Mal mit der Frage konfrontiert sah, wie die Mehrzahl von "Wasser" lautet: Heißt es Wasser oder Wässer? Was für eine Frage, dachte ich im ersten Moment, Wasser ist doch unzählbar, wieso sollte man davon die Mehrzahl bilden? Andererseits - wieso eigentlich nicht? Schließlich lassen sich selbst aus Luft noch Lüfte machen und aus der unaufhörlich verrinnenden Zeit unterschiedliche Zeiten gewinnen. Warum sollte es dann nicht auch vom Wasser eine Mehrzahl geben? Zumal es Wasser in allen möglichen Formen gibt: als Süßwasser, Salzwasser, Trinkwasser, Kochwasser, Tafelwasser, Leitungswasser, Abwasser, Spülwasser, Badewasser, Waschwasser, Fruchtwasser und Zuckerwasser.

Spätestens beim Preisvergleich im Getränkemarkt drängt sich die Frage nach dem Wasser-Plural auf: Da gibt es nämlich billigere und teurere Mineralwasser ... oder sind es Mineralwässer? Wird das Wasser-"a" im Plural umgelautet? Verschiedene Ableitungen des Wortes sprechen dafür: Gewässer, Bewässerung, entwässern, verwässert, wässrig ... Abgeleitetes Wasser bekommt also oft ein "ä" - aber gilt das auch für die Mehrzahl?

Schaut man sich klangähnliche Wörter an, so findet man den "a"-Klang im Plural unverändert: Gefängniswärter sind keine Aufpässer, sondern Aufpasser, und in einem Schlossereibetrieb arbeiten Schlosser und keine Schlösser. Demnach werden aus Wasser auch keine Wässer. Man kann sprichwörtlich "mit allen Wassern gewaschen sein" - aber kaum "mit allen Wässern".

Das Umlauten ist eine deutsche Spezialität, deren Gesetze in der Praxis unterschiedlich ausgelegt werden. Nicht selten kommt es vor, dass uns jemand ein "ä" für ein "a" vormachen will. Manch einer bastelt aus Strohhalmen "Strohhälme" und zeigt im Internet Bilder von seinen niedlichen "Hünden". Und der Streit darüber, ob der Plural von "Wagen" nun "Wagen" oder "Wägen" lautet, wird wohl nie enden. Darüber sind schon viele Studienratskragen geplatzt - wenn es nicht gar Krägen waren.

Manchmal aber setzen sich Formen durch, die es streng genommen nicht geben dürfte. Bisweilen schafft die Ausnahme nämlich größere Klarheit als die Regel. Daher gibt es auch die Pluralform "Wässer" - und zwar dann, wenn zwischen mehren Wassersorten unterschieden wird. Laut Duden ist es zulässig, in Flüsse und Meere nicht nur Abwasser, sondern auch Abwässer einzuleiten. Und man darf genauso zwischen verschiedenen Mineralwässern unterscheiden wie zwischen Mineralwassern.

Beim Mineralwasser bereitet übrigens nicht nur die Frage des Plurals Probleme, sondern auch die Frage der Zusammensetzung. In der Theaterpause bestelle ich am Erfrischungsstand im Foyer ein Wasser. "Stilles Wasser oder Mineralwasser?", fragt die junge weibliche Bedienung. Ich blicke etwas irritiert und sage: "Ein stilles Mineralwasser, bitte!" Nun ist es an der Bedienung, irritiert zu blicken: "Was denn jetzt - wollen Sie ein Mineralwasser oder ein stilles Wasser?" Mein Versuch, die junge Frau darüber aufzuklären, dass auch stille Wasser (oder Wässer) mineralhaltig seien, dass es also nicht sehr sinnvoll sei, zwischen stillem Wasser und Mineralwasser zu unterscheiden, zeitigt bedauerlicherweise keinen Lernerfolg. Im Gegenteil, sie scheint mich als eine Bedrohung zu empfinden, als jemanden, der ihr Sprudelverständnis ins Wanken bringen will. "Geben Sie mir ein Wasser ohne Kohlensäure, bitte", sage ich - und mache es dadurch nur noch schlimmer. Das Wort "Kohlensäure" ist nämlich längst nicht mehr jedem bekannt. Heute pflegt man vielmehr zwischen Wasser "mit Gas" und "ohne Gas" zu unterscheiden. Das haben wir von den Spaniern übernommen, bei denen man im Lokal "agua mineral con gas" oder "sin gas" bestellt. Wenigstens kein Anglizismus, sondern mal ein Hispanismus.

Die junge Frau am Getränkestand denkt offenbar, Kohlensäure sei ein Mineral, jedenfalls reicht sie mir kurzerhand ein Glas Leitungswasser.

Immerhin noch Wasser. Ein Verkaufsschild vor einem Supermarkt im niedersächsischen Hämelerwald preist an. Chemie war ja nie meine Stärke, aber diese Produktbeschreibung kam sogar mir nicht ganz wasserdicht vor. (Die chemische Formel für Kohlensäure lautet H2CO3.)

Ich trinke das Glas in einem Zug leer und muss aufstoßen. "Nanu", wundert sich meine Begleitung, "hattest du nicht ein Wasser ohne Sprudel bestellt?" - "Du weißt doch", erwidere ich, "stille Wässer sind tief!"
30.8.07 13:29
 


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