Schneckenleben

 

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Entschuldigen Sie mich - sonst tu ich es selbst!

von Bastian Sick

Einst bat man um Verzeihung, um Pardon oder um Entschuldigung. Heute heißt das "Schuldigung!" oder "Tschulljung!", und man braucht auch nicht mehr umständlich darum zu bitten, sondern entschuldigt sich einfach selbst. Das ist sehr praktisch, wenn auch nicht gerade logisch.

Wer sich falsch verhält und in einer bestimmten Situation versagt, der lädt eine moralische Schuld auf sich. Niemand ist davor gefeit. Schon eine kleine Unachtsamkeit, eine Nachlässigkeit oder ein Versäumnis können zu einer Schuld führen. Prompt hat man ein schlechtes Gewissen und kann nachts nicht mehr schlafen. Deshalb hat man ein verständliches Interesse daran, diese Schuld möglichst schnell wieder loszuwerden. Man kann versuchen, sie wiedergutzumachen, indem man einen Geldbetrag spendet, einen Blumenstrauß kauft, barfuß nach Canossa geht oder sich öffentlich im Fernsehen bekennt. Es geht aber auch weniger aufwändig, indem man nämlich einfach um Entschuldigung bittet.

In früheren Zeiten sagte man "Ich bitte um Entschuldigung" oder "Bitte entschuldigen Sie mich". Selbst das kurze Austreten zur Toilette wurde mit einem "Wenn Sie mich für einen kleinen Moment entschuldigen würden" zur formschönen Angelegenheit. Heute macht man es sich leichter. Inzwischen wird das Verb "entschuldigen" nämlich meistens reflexiv gebraucht:

Ich entschuldige mich, du entschuldigst dich, er entschuldigt sich, wir entschuldigen uns usw.

Statt auf den Schuldfreispruch eines anderen zu warten, sprechen wir uns einfach selbst von der Schuld frei. Unangemeldet in eine Sitzung geplatzt? Kein Problem! Da sagt man einfach: "Ich entschuldige mich für die Störung!" Die anderen, die man aus dem Gespräch gerissen hat, werden gar nicht erst gefragt. Man entschuldigt sich kurzerhand selbst, und damit ist die Sache vom Tisch.

Das kommt aber nicht immer gut an. Nicht jeder begegnet uns mit Verständnis, wenn wir uns entschuldigen, denn mitunter steht dem Verständnis ein Missverständnis im Wege. Ich kann mich noch sehr lebhaft an einen Dialog zwischen einem Studenten und einem Professor erinnern, der sich während eines Geschichtsseminars zutrug. Der Student, auf dessen Referat wir alle warteten, hatte sich um 20 Minuten verspätet und sagte: "Tut mir leid, dass Sie warten mussten, ich entschuldige mich!", worauf der Professor erwiderte: "Wie praktisch, dann brauche ich es ja nicht mehr zu tun!" - "Was denn?", fragte der Student verwirrt. "Nun, Sie entschuldigen!", antwortete der Professor und fuhr erklärend fort: "Ich hätte Sie ja ohne weiteres entschuldigt, und Ihre Kommilitonen hätten es sicherlich auch, aber Sie sind uns zuvorgekommen und haben es bereits selbst getan." - "Was habe ich getan?", fragte der Student. "Na, sich entschuldigt!", entgegnete der Professor seelenruhig. Der Student verstand nun gar nichts mehr: "Äh, ja, und... sollte ich das denn nicht? Ich habe Sie doch immerhin 20 Minuten warten lassen!" - "Eben", schloss der Professor, "daher wäre es an uns gewesen, Sie zu entschuldigen, aber das hat sich nun erledigt."

Heute ist der reflexive Gebrauch des Verbs "entschuldigen" Standard. Es ist also nicht falsch, "ich entschuldige mich" zu sagen. Denn nicht nur die Schreibweise von Wörtern ändert sich, auch die Bedeutung kann sich wandeln. Laut Duden ist "sich entschuldigen" gleichbedeutend mit "um Nachsicht, Verständnis, Verzeihung bitten", und man kann sich sowohl für etwas als auch wegen etwas bei jemandem entschuldigen. Manchem erscheint es dennoch ein wenig seltsam; und das kann man verstehen, wenn man sich die ursprüngliche Bedeutung des Wortes "entschuldigen" bewusst macht: "Entschuldigung" stand für die Aufhebung von Schuld. Sie konnte vom Schuld-Verursacher erbeten oder erfleht, vom Schuld-Opfer gewährt oder verweigert werden. Im Laufe der Sprachgeschichte hat die "Entschuldigung" aber noch andere Bedeutungen angenommen. So ist "Entschuldigung" in bestimmten Zusammenhängen gleichbedeutend mit "Begründung" und "Rechtfertigung":

"Was können Sie zu Ihrer Entschuldigung vorbringen?"
"Das kann man als Entschuldigung gelten lassen."

Nicht zu vergessen natürlich die Entschuldigung, die Eltern für ihre Kinder schreiben, wenn diese mit Fieber im Bett liegen und nicht am Unterricht teilnehmen können. Gelegentlich schreiben Schüler auch für sich selbst Entschuldigungen, zum Beispiel wenn sie im Playstation-Fieber liegen. In diesem Fall wird man das Sich-selbst-Entschuldigen allerdings nicht so einfach durchgehen lassen wie bei dem Studenten, der sich für sein Zuspätkommen selbst entschuldigt.

Ich finde es nicht schlimm, wenn sich jemand selbst entschuldigt. Man kann doch schon froh darüber sein, wenn heute überhaupt noch um Entschuldigung gebeten wird. Das ist nämlich alles andere als selbstverständlich. Aber wenn ich in einem alten Spielfilm höre, wie jemand sagt: "Pardon, ich bitte vielmals um Entschuldigung", dann gerate ich ins Schwärmen.

Das Eingeständnis eines Fehlers oder Versagens ist nicht sehr angenehm, daher sind viele Menschen bemüht, sich selbst als Verursacher des Fehlers so weit wie möglich rauszuhalten. So bittet man bevorzugt nicht für sich selbst um Entschuldigung, sondern für den Fehler. Man tut also so, als sei der Fehler ein eigenständiges Wesen, ein Hündchen, das nicht sauber pariert hat. Da erklärt uns zum Beispiel eine Lautsprecherstimme in der U-Bahn, dass aufgrund irgendwelcher Bauarbeiten mal wieder alles anders komme als geplant, und schließt mit den Worten: "Wir bitten die entstehenden Unannehmlichkeiten zu entschuldigen". Das ist psychologisch sehr raffiniert. Nicht die Leitung der U-Bahn soll entschuldigt werden, sondern die bösen, bösen Unannehmlichkeiten. Bei denen liegt die Schuld, folglich können auch nur sie ent-schuldigt werden. Dass die U-Bahn-Leitstelle sich für eine Entschuldigung ihrer Unannehmlichkeiten einsetzt, ist sehr großherzig. So nett sind die bei der U-Bahn zu ihren Unannehmlichkeiten!

Das alles ist Ihnen zu haarspalterisch? Dann bitte ich Sie, mir zu verzeihen. Das kann ich übrigens noch nicht selbst. Wohl gemerkt: noch nicht. Aber wer weiß. Vielleicht heißt es irgendwann: "Ich verzeihe mir in aller Form, dass ich Sie belästigt habe!"
6.10.06 08:19


Über das Intrigieren fremder Wörter

von Bastian Sick

In Gelsenkirchen gibt es nicht bloß Schalke, sondern auch ein Amphibientheater. So sagt meine Nachbarin Frau Jackmann, und die muss es wissen. Meine Bemühungen um die deutsche Sprache seien zwar ehrenvoll, sagt sie, aber letztlich doch eine Syphilisarbeit.

"Konkurenz ist für uns ein Fremdwort", steht im Schaufenster eines Berliner Textilgeschäfts zu lesen, und man glaubt es dem Besitzer sofort, wenn man berücksichtigt, wie er das Wort "Konkurrenz" geschrieben hat. Weniger glaubhaft ist die Anzeige eines Regalherstellers, in der behauptet wird: "Ästhetik trifft Inteligenz".

Fremdwörter stellen uns immer wieder vor besondere Herausforderungen. Man kann sie verkehrt buchstabieren, ihre Bedeutung missinterpretieren, sie falsch aussprechen (viele Menschen brechen sich regelmäßig bei dem Wort "Authentizität" die Zunge, sodass oft nur "Authenzität" herauskommt) - und vor allem kann man sie leicht verwechseln. Während der Fußball-WM hörte und las man häufig das Wort "Stadium", wenn "Stadion" gemeint war. Einmal stolperte ich auch über das Wort "Erfolgscouch". Das war allerdings nicht in einem Ikea-Katalog, sondern in einem Bericht über den erfolgreichen Coach der Schweizer Nationalmannschaft.

Meine Freundin Sibylle ist im Verwechseln von Fremdwörtern eine wahre Virtuosin. Sie würde vermutlich sagen: eine Virtologin. Wo ich "euphemistisch" sage, sagt sie "euphorisch". Wo ich konzentrische Kreise sehe, sieht sie "konzentrierte Kreise". Und wenn ich Sibylle von einem "Astralkörper" schwärmen höre, weiß ich, dass ich an einen Alabasterkörper denken muss. Immer wieder bringen sie die verflixten Fremdwörter "in die Patrouille". Von ihrem Onkel, der wie ein Eremit in seinem Häuschen in der Toscana lebt, behauptet sie hartnäckig, er lebe wie ein Emerit. Und über sich selbst sagt sie, dass sie hin und wieder etwas "implosiv" reagiere. Schon als Kind sei sie "ziemlich resistent" gewesen. Ich weiß nicht, wie Sibylle als Kind war, aber ich vermute, sie meint "renitent". Da fällt mir Jörg Pilawa ein, der in einer NDR-Talkshow die Sängerin Gitte Haenning fragte: "War das nicht eine Zensur in deinem Leben?"

Auch meine Nachbarin Frau Jackmann streut gern mal das eine oder andere exotische Wort in ihre Rede ein. Nach dem Einzug eines neuen Mieters war sie stundenlang damit beschäftigt, die Fußabdrücke im Treppenhaus zu beseitigen, die er mit seiner "Dispositionsfarbe" gemacht habe. Und überall flogen diese "Stereopur-Flocken" herum! Ihrem geplagten Rücken zuliebe geht sie einmal pro Woche zum Masseur, der sie mit "esoterischen Ölen" einreibt. Außerdem nimmt sie jetzt regelmäßig Kalziumtabletten ein, das sei gut gegen "Osterpörose".

Verwechselte Fremdwörter findet man ständig und überall. Ein Klassiker sind die "karikativen Zwecke", die den karitativen Spendenaufruf zur sprachlichen Karikatur werden lassen. Einen besonders gemeinen Stolperstein stellt auch das Wort "integrieren" dar. Auf der Homepage der Fernsehsendung "Big Brother" las man über die unglückliche Teilnehmerin Manuela: "Sie hofft, dass sich das Verhältnis in Zukunft bessern wird und sie sich mehr und mehr ins Team intrigieren kann." Wenn hier nicht "integrieren" gemeint war, dann hätte der Satz anders aufgebaut werden müssen: "... und sie mehr und mehr im Team intrigieren kann." Von Sparta auf die Sporaden verirrt hatte sich jener Autoredakteur, der über die Ausstattung des neuen Dodge Viper schrieb, sie sei "alles andere als sporadisch". Solange nur der Redakteur vom Kurs abkommt und nicht das Auto, mag's ja noch gehen.

In Bayern hingegen scheinen die Dinge völlig aus dem Ruder zu laufen, da werden öffentlich Götzen angebetet. Als in der Gemeinde Gilching im November 2005 ein sogenannter Friedenspfahl aufgestellt wurde, meldete die Lokalausgabe der "Süddeutschen Zeitung": "2,20 Meter hoher Basilisk in Gilching eingeweiht." Ein Basilisk ist (wie jeder "Harry Potter"-Leser weiß) ein mythisches Schlangenwesen. Vielleicht hatte die Redakteurin am Vorabend einfach zuviel Basilikum gegessen, jedenfalls kam sie nicht auf das Wort Obelix - pardon: Obelisk.

Gelegentlich bildet die Volksetymologie aus deutschen Bausteinen fremd anmutende Wörter. Einmal brannte in Hamburg-Tonndorf ein Imbiss ab. Schuld war der Wrasenabzug. Das Wort "Wrasen" ist norddeutsch und bedeutet Dunst. Die Tonndorfer Feuerwehr hat ein griechisches Wort daraus gemacht, denn in ihrem Bericht konnte man lesen: "Das Feuer war über den Phrasenabzug des Hähnchengrills in den Zwischendeckenraum gelaufen und hat dort durchgezündet." Von einer solchen Vorrichtung können Sprachpfleger nur träumen! In meinem nächsten Leben werde ich Imbissbudenbesitzer!

Der Umgang mit Fremdwörtern verpflichtet uns freilich nicht zu größerer Sorgfalt als der Umgang mit dem Vokabular unserer Muttersprache. Fehler mit Fremdwörtern sind nicht schlimmer als Fehler mit deutschen Wörtern. Sie sind nur oft komischer.

Wenn zum Beispiel eine Agentur für Medien und Marketing in einem Pressetext behauptet, 42 Prozent der Deutschen fürchteten eine Rezension. So viele Schriftsteller - und nur ein Marcel Reich-Ranicki? Wie soll der das bloß schaffen? Oder wenn man über einen verfolgten Autor lesen muss, dass er "in erster Distanz freigesprochen" worden war.

Als vor ein paar Jahren der Rinderwahn umging, erzählte ich Sibylle, dass man im Bioladen bei mir um die Ecke "Götterspeise ohne Gelantine" bekommen könne. Da brach sie in schallendes Gelächter aus und verbesserte mich: "Das heißt Gelatine!" - "Tatsächlich? Dann habe ich dem Knochenpulver mein Leben lang zu viel Galanterie beigemischt." - "Siehst du, auch dir passiert mal ein Flapsus", stellte Sibylle mit Genugtuung fest. "Gegen Irrtümer ist niemand gefeit!", pflichtete ich ihr bei. "Stimmt", erwiderte Sibylle vergnügt, "nicht mal eine Konifere wie du!"

Fremde Wörter - kurz erklärt
Fremdwort Bedeutung
Alabaster (m.) marmorähnliche Gipsart
amphi griech. Vorsilbe mit der Bedeutung: auf beiden Seiten, beidseitig, um ... herum, zwei
Amphibium (s.), Amphibie (w.) "doppellebiges" Kriechtier: ein zu Wasser und zu Lande lebender Lurch
astral die Sterne betreffend, Stern-
Ästhetik (w.) Lehre vom Schönen
ätherisch ätherartig, flüchtig
esoterisch Wortbedeutung:"nach innen gerichtet"; Adjektiv zu "Esoterik": Lehre mit okkultistischen und astrologischen Elementen
Authentizität (w.) Echtheit, Glaubwürdigkeit, Zuverlässigkeit
Bredouille (w.) Bedrängnis, Verlegenheit, schwierige Situation
Patrouille (w.) Spähtrupp, Soldaten auf Kontrollgang
Couch (w.; schweiz. auch m.) Sofa
Coach (m.) Trainer oder Betreuer eines Sportlers oder einer Sportmannschaft
Dispersion (w.) chem. Begriff: gleichmäßige Verteilung eines Stoffes in einem Lösungsmittel (z.B. Farbpigmente)
Disposition (w.) Verfügung, Planung, (genetische) Veranlagung, Einstellung
Emerit(us) (m.) dienstunfähiger Geistlicher
emeritieren in den Ruhestand versetzen
Eremit (m.) Einsiedler
euphemistisch mildernd, beschönigend, verschleiernd
euphorisch in gehobener Stimmung, heiter
Gelatine (w.) Bindemittel aus Knochenpulver
Implosion (w.) schlagartiges Zusammenfallen eines Hohlkörpers durch äußeren Überdruck
impulsiv spontan handelnd, einer plötzlichen Eingebung folgend
Instanz (w.) Verfahrensabschnitt (Gericht), zuständige Stelle (Behörden)
Distanz (w.) Entfernung, Strecke, Abstand, Zurückhaltung
Intelligenz (w.) geistige Fähigkeiten
integrieren aufnehmen, einschließen
intrigieren Ränke schmieden
karikativ wie eine Karikatur, ironisierend
karitativ mildtätig
Konifere (w.) Nadelbaum
Koryphäe (w.) Experte, herausragende Fachkraft
Konkurrenz (w.) Wettstreit, Wettbewerb
konzentriert aufmerksam, verdichtet, angereichert
konzentrisch um einen gemeinsamen Mittelpunkt herum
Lapsus (m.) Fehler, Versehen, Versprecher
Obelisk (m.) frei stehender, rechteckiger, spitz zulaufender Steinpfeiler, Spitzsäule
Basilisk (m.) 1. Fabelwesen aus Schlange und Hahn mit todbringendem Blick
2. tropische Eidechse
Osteoporose (w.) Knochenschwund
Phrase (w.) Satz, (abgedroschene) Redewendung, Geschwätz
renitent widerspenstig, widersetzlich
resistent widerstandsfähig
Rezension (w.) kritische Besprechung, Beurteilung
Rezession (w.) konjunktureller Rückgang
Sisyphos (griech.), Sisyphus (lat.) Gestalt der griechischen Mythologie, die als Strafe dazu verurteilt war, ein schweres Felsstück immer wieder aufs Neue einen Berg hinauf zu wälzen
Syphilis (w.) Geschlechtskrankheit
spartanisch streng, abgehärtet, einfach
sporadisch vereinzelt, verstreut, gelegentlich, rar
Stadion (s.) ovale Austragungsstätte sportlicher Wettkämpfe
Stadium (s.) Zeitabschnitt, Entwicklungsstufe
Styropor (s.) Markenname für den aus einzelnen Kügelchen zusammengepressten Kunststoff Polystyrol (Dämmmaterial, Verpackungsstoff)
Virtuose (m.), Virtuosin (w.) meisterlicher Könner auf einem künstlerischen Gebiet
Zäsur (w.) Einschnitt
Zensur (w.) Note, Bewertung
6.10.06 08:21





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