Schneckenleben

 

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Der Tri-o-logie ihr dritter Teil

Von Bastian Sick

Der Kampf zwischen Dativ und Genitiv geht in die dritte und vorerst letzte Runde: Pünktlich zum Erscheinen des neuen Buchs von Bastian Sick präsentiert SPIEGEL ONLINE das Vorwort.

Beim Aufräumen fiel mir vor einiger Zeit mein erstes Grammatikheft in die Hände. Es musste noch aus der Grundschulzeit stammen. Auf dem Umschlag stand mein Name, und darüber in krakeliger Schrift "Gramatick". Ich weiß nicht mehr, ob ich damals geglaubt habe, Grammatik habe etwas mit "Tick" zu tun und sei etwas für Spinner. Immerhin bin ich sehr bald zu der Erkenntnis gelangt, dass Grammatik nichts mit "Gram" zu tun hat - im Gegenteil. Um künstlerisch oder spielerisch mit der Sprache umgehen zu können, muss man ihren Aufbau kennen und ihre Regeln verstehen. Trotz des immer häufiger beklagten Verfalls unserer Sprachkultur stehe ich mit dieser Überzeugung nicht allein da. Das Interesse an meiner "Zwiebelfisch"-Kolumne und meinen ersten beiden Büchern hat es bewiesen. Und so habe ich weitergeschrieben - mit dem Ergebnis, dass nun der dritte Band über das Schicksal von Dativ und Genitiv vorliegt, jene fröhlichen und zugleich tragischen Helden der deutschen Grammatik.

"Damit ist dem Sick seine Triologie komplett", erklärte meine Nachbarin Frau Jackmann mit einem Augenzwinkern, mit dem sie zu erkennen geben wollte, dass ihr die Sache mit dem falschen "dem sein" schon klar sei. Die andere Sache, die mit der zu lang geratenen Trilogie, war ihr hingegen nicht klar, sonst hätte sie mit beiden Augen gleichzeitig zwinkern müssen. Aber Frau Jackmann kommt aus dem Rheinland, und dort ist manches anders als im Norden. Im Norden ist wiederum manches anders als in Bayern, und in Bayern ist selbstverständlich fast alles anders als in Berlin, wo man dem Akkusativ gern mit den Dativ verwechselt.

In der Fußgängerzone nicht weit von meinem Arbeitsplatz entfernt hat vor einiger Zeit ein Coffeeshop eröffnet, eines jener Schnellcafés nach amerikanischem Vorbild, wie man sie inzwischen in fast jeder Stadt findet. Bei schönem Wetter bestelle ich mir dort gelegentlich einen Milchkaffee im Pappbecher, setze mich hinaus in die Sonne und genieße den Augenblick. Die Pappbecher gibt es in drei Größen: klein, mittel und groß. So heißen sie aber nicht. In dem Coffeeshop heißen die Größen "short", "tall" (mit langem, offenem "o" gesprochen) und "grande", also "kurz", "groß" und "supergroß". Ich bestelle mir immer einen großen Milchkaffee (der in Wahrheit also nur mittelgroß ist), und weil ich ihn draußen in der Sonne trinken will, bestelle ich ihn "zum Mitnehmen". Der junge Mann an der Kasse ruft dann seiner Kollegin am Kaffeeautomaten zu: "Eine tolle Latte to go!" Darüber amüsiere ich mich jedes Mal.

"Eine tolle Latte to go" - das ist kein Deutsch. Das ist aber auch kein Englisch. Ein amerikanischer Tourist könnte mit einer solchen Bestellung vermutlich nichts anfangen. Es ist auch kein Türkisch, auch wenn der junge Mann laut Namensschild "Cem" heißt. "Eine tolle Latte to go" ist moderner Verkaufsjargon, ein buntes Gemisch aus Deutsch, Englisch und Italienisch, wie es an keiner Schule gelehrt wird, und wie es doch mitten unter uns wächst und gedeiht. "Eine tolle Latte to go" ist eines von vielen sprachlichen Phänomenen, die dafür sorgen, dass mir der Stoff so schnell nicht ausgeht.

In diesem Zusammenhang fällt mir ein weiteres Erlebnis ein: Als ich einmal in der schönen Stadt Krefeld war und durch die Fußgängerzone schlenderte, um mich an den Architekturdenkmälern der sechziger und siebziger Jahre zu ergötzen, wäre ich um ein Haar über ein Schild gestolpert, das neben einem Café stand. Darauf waren verschiedene Heißgetränke angepriesen, unter anderem eine "Abend Latte". Mir als Mann war bis dahin eigentlich nur das Phänomen einer Morgenlatte bekannt, aber man lernt eben nie aus. In Krefeld jedenfalls kann man für 2 Euro auch eine Abendlatte bekommen.

Ein anderer, munter sprudelnder (und hoffentlich nie versiegender) Quell der Inspiration sind für mich die unterschiedlichen Regionalsprachen und Dialekte. Nicht überall bekommt man Kaffee oder Brötchen "to go" - manchmal heißt das nämlich so: "Wat wollen Se de Brötchen für? Wollen Se die für zum Hieressen oder für zum Mitnehmen?" Ich weiß nicht, ob das Wort "Hieressen" im Duden steht, und ich bezweifle, dass sich das Aufeinandertreffen der Präpositionen "für" und "zum" mit dem Sprachstandard vereinbaren lässt, aber in einigen Gegenden Deutschlands "da jehört dat so". Die Besonderheiten der deutschen Dialekte gehören zweifellos zu den schönsten Entdeckungen, die ich bei meiner Arbeit gemacht habe. Und täglich lerne ich Neues hinzu.

Dieses Buch enthält die Kolumnen, die im Laufe des vergangenen Jahres auf SPIEGEL ONLINE erschienen sind. Grammatikfreunde und Goldwaagenwörterwieger werden dabei ebenso auf ihre Kosten kommen wie Stilblütensammler, Dialektbestauner und Anekdotenliebhaber; denn es geht sowohl um spannende Themen wie Kongruenz und Adverbien, Syntax und Präpositionen als auch um ganz Alltägliches wie die Kartoffel, den Brotrest, den Urlaub auf Mallorca und den Friseur von nebenan. Ich wünsche allen Lesern eine vergnügliche Lektüre! Aller guten Dinge sind drei - oder, wie meine Freundin Sibylle sagen würde: Gut Ding will Dreie haben!

22.11.06 14:05


Über das Intrigieren fremder Wörter

von Bastian Sick

In Gelsenkirchen gibt es nicht bloß Schalke, sondern auch ein Amphibientheater. So sagt meine Nachbarin Frau Jackmann, und die muss es wissen. Meine Bemühungen um die deutsche Sprache seien zwar ehrenvoll, sagt sie, aber letztlich doch eine Syphilisarbeit.

"Konkurenz ist für uns ein Fremdwort", steht im Schaufenster eines Berliner Textilgeschäfts zu lesen, und man glaubt es dem Besitzer sofort, wenn man berücksichtigt, wie er das Wort "Konkurrenz" geschrieben hat. Weniger glaubhaft ist die Anzeige eines Regalherstellers, in der behauptet wird: "Ästhetik trifft Inteligenz".

Fremdwörter stellen uns immer wieder vor besondere Herausforderungen. Man kann sie verkehrt buchstabieren, ihre Bedeutung missinterpretieren, sie falsch aussprechen (viele Menschen brechen sich regelmäßig bei dem Wort "Authentizität" die Zunge, sodass oft nur "Authenzität" herauskommt) - und vor allem kann man sie leicht verwechseln. Während der Fußball-WM hörte und las man häufig das Wort "Stadium", wenn "Stadion" gemeint war. Einmal stolperte ich auch über das Wort "Erfolgscouch". Das war allerdings nicht in einem Ikea-Katalog, sondern in einem Bericht über den erfolgreichen Coach der Schweizer Nationalmannschaft.

Meine Freundin Sibylle ist im Verwechseln von Fremdwörtern eine wahre Virtuosin. Sie würde vermutlich sagen: eine Virtologin. Wo ich "euphemistisch" sage, sagt sie "euphorisch". Wo ich konzentrische Kreise sehe, sieht sie "konzentrierte Kreise". Und wenn ich Sibylle von einem "Astralkörper" schwärmen höre, weiß ich, dass ich an einen Alabasterkörper denken muss. Immer wieder bringen sie die verflixten Fremdwörter "in die Patrouille". Von ihrem Onkel, der wie ein Eremit in seinem Häuschen in der Toscana lebt, behauptet sie hartnäckig, er lebe wie ein Emerit. Und über sich selbst sagt sie, dass sie hin und wieder etwas "implosiv" reagiere. Schon als Kind sei sie "ziemlich resistent" gewesen. Ich weiß nicht, wie Sibylle als Kind war, aber ich vermute, sie meint "renitent". Da fällt mir Jörg Pilawa ein, der in einer NDR-Talkshow die Sängerin Gitte Haenning fragte: "War das nicht eine Zensur in deinem Leben?"

Auch meine Nachbarin Frau Jackmann streut gern mal das eine oder andere exotische Wort in ihre Rede ein. Nach dem Einzug eines neuen Mieters war sie stundenlang damit beschäftigt, die Fußabdrücke im Treppenhaus zu beseitigen, die er mit seiner "Dispositionsfarbe" gemacht habe. Und überall flogen diese "Stereopur-Flocken" herum! Ihrem geplagten Rücken zuliebe geht sie einmal pro Woche zum Masseur, der sie mit "esoterischen Ölen" einreibt. Außerdem nimmt sie jetzt regelmäßig Kalziumtabletten ein, das sei gut gegen "Osterpörose".

Verwechselte Fremdwörter findet man ständig und überall. Ein Klassiker sind die "karikativen Zwecke", die den karitativen Spendenaufruf zur sprachlichen Karikatur werden lassen. Einen besonders gemeinen Stolperstein stellt auch das Wort "integrieren" dar. Auf der Homepage der Fernsehsendung "Big Brother" las man über die unglückliche Teilnehmerin Manuela: "Sie hofft, dass sich das Verhältnis in Zukunft bessern wird und sie sich mehr und mehr ins Team intrigieren kann." Wenn hier nicht "integrieren" gemeint war, dann hätte der Satz anders aufgebaut werden müssen: "... und sie mehr und mehr im Team intrigieren kann." Von Sparta auf die Sporaden verirrt hatte sich jener Autoredakteur, der über die Ausstattung des neuen Dodge Viper schrieb, sie sei "alles andere als sporadisch". Solange nur der Redakteur vom Kurs abkommt und nicht das Auto, mag's ja noch gehen.

In Bayern hingegen scheinen die Dinge völlig aus dem Ruder zu laufen, da werden öffentlich Götzen angebetet. Als in der Gemeinde Gilching im November 2005 ein sogenannter Friedenspfahl aufgestellt wurde, meldete die Lokalausgabe der "Süddeutschen Zeitung": "2,20 Meter hoher Basilisk in Gilching eingeweiht." Ein Basilisk ist (wie jeder "Harry Potter"-Leser weiß) ein mythisches Schlangenwesen. Vielleicht hatte die Redakteurin am Vorabend einfach zuviel Basilikum gegessen, jedenfalls kam sie nicht auf das Wort Obelix - pardon: Obelisk.

Gelegentlich bildet die Volksetymologie aus deutschen Bausteinen fremd anmutende Wörter. Einmal brannte in Hamburg-Tonndorf ein Imbiss ab. Schuld war der Wrasenabzug. Das Wort "Wrasen" ist norddeutsch und bedeutet Dunst. Die Tonndorfer Feuerwehr hat ein griechisches Wort daraus gemacht, denn in ihrem Bericht konnte man lesen: "Das Feuer war über den Phrasenabzug des Hähnchengrills in den Zwischendeckenraum gelaufen und hat dort durchgezündet." Von einer solchen Vorrichtung können Sprachpfleger nur träumen! In meinem nächsten Leben werde ich Imbissbudenbesitzer!

Der Umgang mit Fremdwörtern verpflichtet uns freilich nicht zu größerer Sorgfalt als der Umgang mit dem Vokabular unserer Muttersprache. Fehler mit Fremdwörtern sind nicht schlimmer als Fehler mit deutschen Wörtern. Sie sind nur oft komischer.

Wenn zum Beispiel eine Agentur für Medien und Marketing in einem Pressetext behauptet, 42 Prozent der Deutschen fürchteten eine Rezension. So viele Schriftsteller - und nur ein Marcel Reich-Ranicki? Wie soll der das bloß schaffen? Oder wenn man über einen verfolgten Autor lesen muss, dass er "in erster Distanz freigesprochen" worden war.

Als vor ein paar Jahren der Rinderwahn umging, erzählte ich Sibylle, dass man im Bioladen bei mir um die Ecke "Götterspeise ohne Gelantine" bekommen könne. Da brach sie in schallendes Gelächter aus und verbesserte mich: "Das heißt Gelatine!" - "Tatsächlich? Dann habe ich dem Knochenpulver mein Leben lang zu viel Galanterie beigemischt." - "Siehst du, auch dir passiert mal ein Flapsus", stellte Sibylle mit Genugtuung fest. "Gegen Irrtümer ist niemand gefeit!", pflichtete ich ihr bei. "Stimmt", erwiderte Sibylle vergnügt, "nicht mal eine Konifere wie du!"

Fremde Wörter - kurz erklärt
Fremdwort Bedeutung
Alabaster (m.) marmorähnliche Gipsart
amphi griech. Vorsilbe mit der Bedeutung: auf beiden Seiten, beidseitig, um ... herum, zwei
Amphibium (s.), Amphibie (w.) "doppellebiges" Kriechtier: ein zu Wasser und zu Lande lebender Lurch
astral die Sterne betreffend, Stern-
Ästhetik (w.) Lehre vom Schönen
ätherisch ätherartig, flüchtig
esoterisch Wortbedeutung:"nach innen gerichtet"; Adjektiv zu "Esoterik": Lehre mit okkultistischen und astrologischen Elementen
Authentizität (w.) Echtheit, Glaubwürdigkeit, Zuverlässigkeit
Bredouille (w.) Bedrängnis, Verlegenheit, schwierige Situation
Patrouille (w.) Spähtrupp, Soldaten auf Kontrollgang
Couch (w.; schweiz. auch m.) Sofa
Coach (m.) Trainer oder Betreuer eines Sportlers oder einer Sportmannschaft
Dispersion (w.) chem. Begriff: gleichmäßige Verteilung eines Stoffes in einem Lösungsmittel (z.B. Farbpigmente)
Disposition (w.) Verfügung, Planung, (genetische) Veranlagung, Einstellung
Emerit(us) (m.) dienstunfähiger Geistlicher
emeritieren in den Ruhestand versetzen
Eremit (m.) Einsiedler
euphemistisch mildernd, beschönigend, verschleiernd
euphorisch in gehobener Stimmung, heiter
Gelatine (w.) Bindemittel aus Knochenpulver
Implosion (w.) schlagartiges Zusammenfallen eines Hohlkörpers durch äußeren Überdruck
impulsiv spontan handelnd, einer plötzlichen Eingebung folgend
Instanz (w.) Verfahrensabschnitt (Gericht), zuständige Stelle (Behörden)
Distanz (w.) Entfernung, Strecke, Abstand, Zurückhaltung
Intelligenz (w.) geistige Fähigkeiten
integrieren aufnehmen, einschließen
intrigieren Ränke schmieden
karikativ wie eine Karikatur, ironisierend
karitativ mildtätig
Konifere (w.) Nadelbaum
Koryphäe (w.) Experte, herausragende Fachkraft
Konkurrenz (w.) Wettstreit, Wettbewerb
konzentriert aufmerksam, verdichtet, angereichert
konzentrisch um einen gemeinsamen Mittelpunkt herum
Lapsus (m.) Fehler, Versehen, Versprecher
Obelisk (m.) frei stehender, rechteckiger, spitz zulaufender Steinpfeiler, Spitzsäule
Basilisk (m.) 1. Fabelwesen aus Schlange und Hahn mit todbringendem Blick
2. tropische Eidechse
Osteoporose (w.) Knochenschwund
Phrase (w.) Satz, (abgedroschene) Redewendung, Geschwätz
renitent widerspenstig, widersetzlich
resistent widerstandsfähig
Rezension (w.) kritische Besprechung, Beurteilung
Rezession (w.) konjunktureller Rückgang
Sisyphos (griech.), Sisyphus (lat.) Gestalt der griechischen Mythologie, die als Strafe dazu verurteilt war, ein schweres Felsstück immer wieder aufs Neue einen Berg hinauf zu wälzen
Syphilis (w.) Geschlechtskrankheit
spartanisch streng, abgehärtet, einfach
sporadisch vereinzelt, verstreut, gelegentlich, rar
Stadion (s.) ovale Austragungsstätte sportlicher Wettkämpfe
Stadium (s.) Zeitabschnitt, Entwicklungsstufe
Styropor (s.) Markenname für den aus einzelnen Kügelchen zusammengepressten Kunststoff Polystyrol (Dämmmaterial, Verpackungsstoff)
Virtuose (m.), Virtuosin (w.) meisterlicher Könner auf einem künstlerischen Gebiet
Zäsur (w.) Einschnitt
Zensur (w.) Note, Bewertung
6.10.06 08:21


Entschuldigen Sie mich - sonst tu ich es selbst!

von Bastian Sick

Einst bat man um Verzeihung, um Pardon oder um Entschuldigung. Heute heißt das "Schuldigung!" oder "Tschulljung!", und man braucht auch nicht mehr umständlich darum zu bitten, sondern entschuldigt sich einfach selbst. Das ist sehr praktisch, wenn auch nicht gerade logisch.

Wer sich falsch verhält und in einer bestimmten Situation versagt, der lädt eine moralische Schuld auf sich. Niemand ist davor gefeit. Schon eine kleine Unachtsamkeit, eine Nachlässigkeit oder ein Versäumnis können zu einer Schuld führen. Prompt hat man ein schlechtes Gewissen und kann nachts nicht mehr schlafen. Deshalb hat man ein verständliches Interesse daran, diese Schuld möglichst schnell wieder loszuwerden. Man kann versuchen, sie wiedergutzumachen, indem man einen Geldbetrag spendet, einen Blumenstrauß kauft, barfuß nach Canossa geht oder sich öffentlich im Fernsehen bekennt. Es geht aber auch weniger aufwändig, indem man nämlich einfach um Entschuldigung bittet.

In früheren Zeiten sagte man "Ich bitte um Entschuldigung" oder "Bitte entschuldigen Sie mich". Selbst das kurze Austreten zur Toilette wurde mit einem "Wenn Sie mich für einen kleinen Moment entschuldigen würden" zur formschönen Angelegenheit. Heute macht man es sich leichter. Inzwischen wird das Verb "entschuldigen" nämlich meistens reflexiv gebraucht:

Ich entschuldige mich, du entschuldigst dich, er entschuldigt sich, wir entschuldigen uns usw.

Statt auf den Schuldfreispruch eines anderen zu warten, sprechen wir uns einfach selbst von der Schuld frei. Unangemeldet in eine Sitzung geplatzt? Kein Problem! Da sagt man einfach: "Ich entschuldige mich für die Störung!" Die anderen, die man aus dem Gespräch gerissen hat, werden gar nicht erst gefragt. Man entschuldigt sich kurzerhand selbst, und damit ist die Sache vom Tisch.

Das kommt aber nicht immer gut an. Nicht jeder begegnet uns mit Verständnis, wenn wir uns entschuldigen, denn mitunter steht dem Verständnis ein Missverständnis im Wege. Ich kann mich noch sehr lebhaft an einen Dialog zwischen einem Studenten und einem Professor erinnern, der sich während eines Geschichtsseminars zutrug. Der Student, auf dessen Referat wir alle warteten, hatte sich um 20 Minuten verspätet und sagte: "Tut mir leid, dass Sie warten mussten, ich entschuldige mich!", worauf der Professor erwiderte: "Wie praktisch, dann brauche ich es ja nicht mehr zu tun!" - "Was denn?", fragte der Student verwirrt. "Nun, Sie entschuldigen!", antwortete der Professor und fuhr erklärend fort: "Ich hätte Sie ja ohne weiteres entschuldigt, und Ihre Kommilitonen hätten es sicherlich auch, aber Sie sind uns zuvorgekommen und haben es bereits selbst getan." - "Was habe ich getan?", fragte der Student. "Na, sich entschuldigt!", entgegnete der Professor seelenruhig. Der Student verstand nun gar nichts mehr: "Äh, ja, und... sollte ich das denn nicht? Ich habe Sie doch immerhin 20 Minuten warten lassen!" - "Eben", schloss der Professor, "daher wäre es an uns gewesen, Sie zu entschuldigen, aber das hat sich nun erledigt."

Heute ist der reflexive Gebrauch des Verbs "entschuldigen" Standard. Es ist also nicht falsch, "ich entschuldige mich" zu sagen. Denn nicht nur die Schreibweise von Wörtern ändert sich, auch die Bedeutung kann sich wandeln. Laut Duden ist "sich entschuldigen" gleichbedeutend mit "um Nachsicht, Verständnis, Verzeihung bitten", und man kann sich sowohl für etwas als auch wegen etwas bei jemandem entschuldigen. Manchem erscheint es dennoch ein wenig seltsam; und das kann man verstehen, wenn man sich die ursprüngliche Bedeutung des Wortes "entschuldigen" bewusst macht: "Entschuldigung" stand für die Aufhebung von Schuld. Sie konnte vom Schuld-Verursacher erbeten oder erfleht, vom Schuld-Opfer gewährt oder verweigert werden. Im Laufe der Sprachgeschichte hat die "Entschuldigung" aber noch andere Bedeutungen angenommen. So ist "Entschuldigung" in bestimmten Zusammenhängen gleichbedeutend mit "Begründung" und "Rechtfertigung":

"Was können Sie zu Ihrer Entschuldigung vorbringen?"
"Das kann man als Entschuldigung gelten lassen."

Nicht zu vergessen natürlich die Entschuldigung, die Eltern für ihre Kinder schreiben, wenn diese mit Fieber im Bett liegen und nicht am Unterricht teilnehmen können. Gelegentlich schreiben Schüler auch für sich selbst Entschuldigungen, zum Beispiel wenn sie im Playstation-Fieber liegen. In diesem Fall wird man das Sich-selbst-Entschuldigen allerdings nicht so einfach durchgehen lassen wie bei dem Studenten, der sich für sein Zuspätkommen selbst entschuldigt.

Ich finde es nicht schlimm, wenn sich jemand selbst entschuldigt. Man kann doch schon froh darüber sein, wenn heute überhaupt noch um Entschuldigung gebeten wird. Das ist nämlich alles andere als selbstverständlich. Aber wenn ich in einem alten Spielfilm höre, wie jemand sagt: "Pardon, ich bitte vielmals um Entschuldigung", dann gerate ich ins Schwärmen.

Das Eingeständnis eines Fehlers oder Versagens ist nicht sehr angenehm, daher sind viele Menschen bemüht, sich selbst als Verursacher des Fehlers so weit wie möglich rauszuhalten. So bittet man bevorzugt nicht für sich selbst um Entschuldigung, sondern für den Fehler. Man tut also so, als sei der Fehler ein eigenständiges Wesen, ein Hündchen, das nicht sauber pariert hat. Da erklärt uns zum Beispiel eine Lautsprecherstimme in der U-Bahn, dass aufgrund irgendwelcher Bauarbeiten mal wieder alles anders komme als geplant, und schließt mit den Worten: "Wir bitten die entstehenden Unannehmlichkeiten zu entschuldigen". Das ist psychologisch sehr raffiniert. Nicht die Leitung der U-Bahn soll entschuldigt werden, sondern die bösen, bösen Unannehmlichkeiten. Bei denen liegt die Schuld, folglich können auch nur sie ent-schuldigt werden. Dass die U-Bahn-Leitstelle sich für eine Entschuldigung ihrer Unannehmlichkeiten einsetzt, ist sehr großherzig. So nett sind die bei der U-Bahn zu ihren Unannehmlichkeiten!

Das alles ist Ihnen zu haarspalterisch? Dann bitte ich Sie, mir zu verzeihen. Das kann ich übrigens noch nicht selbst. Wohl gemerkt: noch nicht. Aber wer weiß. Vielleicht heißt es irgendwann: "Ich verzeihe mir in aller Form, dass ich Sie belästigt habe!"
6.10.06 08:19


Von Knäppchen, Knäuschen und Knörzchen

von Bastian Sick

Abschied ist ein scharfes Schwert. Und Abschnitt ist ein hartes Brot. Der Rest ist Scherzl oder Knust oder Ränftl oder wie man sonst noch zum Brotkanten sagt. Der Zwiebelfisch hat Brotreste gesammelt. Nun hat er so viel, dass er damit drei Jahre lang Enten füttern kann.

Brot ist eines der ältesten Kulturgüter überhaupt. Schon die alten Ägypter buken Brot und entdeckten das Geheimnis des Sauerteigs. Seitdem ist Brot zum Symbol für Speise überhaupt geworden. In der Bibel wird Brot als Gottesgeschenk beschrieben (himmlisches Manna), und seit dem letzten Abendmahl, das Jesus mit seinen Jüngern einnahm, steht Brot für den Leib Christi.

So ist es nicht verwunderlich, dass das Brot auch in unserer Sprache einen besonderen Platz einnimmt. Es kommt zum Beispiel in Dutzenden von Redewendungen vor, man denke nur an "Salz und Brot macht Wangen rot", "Wes Brot ich ess, des Lied ich sing" und "Wer nie sein Brot im Bette aß, weiß nicht, wie Krümel piken". Doch so richtig interessant wird das Brot für den Sprachforscher erst nach dem Verzehr, wenn von ihm nichts weiter übrig ist als ein - zumeist zähes oder hartes - Randstück (vom Brot natürlich, nicht vom Forscher). Dieses Randstück hat nämlich einen besonderen Namen. Einen Namen? Was red ich da! Dutzende Namen hat es!

Bereits im letzten Jahr begab ich mich auf die Suche nach regionalen Bezeichnungen für den Apfelrest. Es kamen mehr als fünfzig verschiedene Bezeichnungen zusammen, die unser Grafiker zu einem hübschen Schaubild in Form eines abgenagten Apfels zusammenstellte. Viele "Zwiebelfisch"-Leser schickten unaufgefordert auch gleich das Wort für den Brotrest mit. Da ahnte ich, dass die Vielfalt der Brotrest-Wörter mindestens genauso groß wie die der Apfelrest-Wörter sein müsse.

Wenige Recherchen genügten, um festzustellen, dass der Brotkanten für Wortsammler ein gefundenes Fressen ist. In diversen Internet-Foren wird aufs Amüsanteste darüber diskutiert. Und immer wieder tauchen neue Varianten auf. Mitunter wird ein Ausdruck sowohl für den Brotrest als auch für den Apfelrest verwendet, so wie beim Wort "Knust", das im Allgemeinen den Brotrest bezeichnet, in Hamburg aber auch den Apfelrest. Bei anderen Begriffen (wie dem "Krüstchen") herrscht Unklarheit darüber, ob damit nur der Brotrest oder nicht die gesamte Brotrinde gemeint ist.

Von der Wurst ist bekannt, dass sie zwei Enden hat. Das gilt aber nicht für die Wurst allein, sondern auch für das Brot. Während das erste Stück eines frischen Brotes meistens gern gegessen wird, bleibt das zähe Endstück oft liegen. In einigen Gegenden wird daher zwischen einem "lachenden" und einem "weinenden" Ende unterschieden. So kennt man zum Beispiel im Münsterland die Ausdrücke "Lache-Knäppchen" und "Weine-Knäppchen" für den vorderen und den hinteren Brotkanten.

In Norddeutschland überwiegt das Wort "Knust", das auf das mittelniederdeutsche Wort knûst zurückgeht, welches "knotiger Auswuchs", "Knorren" bedeutet. In der Mitte herrscht das Wort "Kanten" vor, und je weiter südlich man kommt, desto drolliger werden die Ausdrücke. Da hört man ein Knuspern und Knäuspern wie im Märchen.

Eine häufig gestellte Frage lautet: Gibt es eine offizielle Bezeichnung für den Brotrest, die in allen Gegenden des deutschen Sprachraums gilt? Die Bäcker kennen das Wort "Anschnitt", und daneben gibt es auch "Abschnitt", beides sind Wörter der Hochsprache, doch sie sind nicht annähernd so klangvoll wie die mundartlichen Formen. Daher wird es ihnen kaum gelingen, die regionalen Varianten zu verdrängen, denn die sind bildhaft, liebevoll, ja geradezu zärtlich, so wie Knäppchen, Knärzi und Zipfeli. Das könnten auch Kosenamen für den geliebten Partner sein. Der wird ja gelegentlich auch "Lebensabschnittsgefährte" genannt. Das klingt genauso unpersönlich wie Brotabschnitt. Wenn wir an unserem Lebensabschnittsgefährten knuspern, dann sagen wir doch lieber "mein Schatz", "mein Herzi", "mein süßes Mäuschen" - so wie zum Brotrest "mein Scherzl", "mein Knärzie", "mein süßes Knäuschen".
17.9.06 08:36


Alle's für die Katz

von Bastian Sick

Das bisschen Haushalt ist doch kein Problem, dafür haben wir den Haus-Halt's-Service! Und Spargelschäler für Recht's- und Linkshänder! In unserem Frühstück's Raum erwarten Sie diverse Sorten Tee's und Snack's. Haben Sie Lust d'rauf?

Alle Jahre wieder präsentiert der "Zwiebelfisch" die Galerie des Grauen's: eine Zusammenstellung der gruseligsten Apostroph-Verbrechen. Wer da glaubte, das Thema sei erledigt und die Deutschen hätten es nun langsam kapiert, der hat noch keine Baufahrzeug'e in Leipzig gesehen.

Und der hat wohl auch noch nie einen Spargelschäler für Recht's und Linkshänder benutzt! Tatsache ist: Der Apostrophen-Missbrauch geht fröhlich weiter. Ständig kommt NEU'es hinzu! Manches ist allerdings nur Kommission's Ware.

Der Apostroph, so weiß man ja (oder nicht?), ist ein Auslassungszeichen. Er steht dort, wo etwas anderes weggefallen ist. Zum Beispiel der sprachliche Sachverstand. Der scheint jenen abhanden gekommen, die Besichtigung'en von 11 bis 14:30 Uhr anbieten oder Tee's, Lexica's und Snack's verkaufen.

Und was ist bei der Kauf-Aufforderung "Nimm' mich mit" weggefallen? Das Endungs-"e" natürlich. Der Imperativ von "nehmen" lautet ja, wie wir alle wissen, "nimme", oder? Ohne den Apostroph müsste es also heißen: "Nimme mich mit!"

Die Behauptung, Ikea würde in Deutschland neue Jobs schaffen, ist eine Lüge! In Wahrheit schafft der Möbelkonzern nämlich nur Job's. Wir präsentieren den Beweis!

Also, hereinspaziert in die Galerie des Häkchenwahn's. Doch nimme es nicht auf die leichte Schulter! Es erwartet dich der reinste Schreck'en. Sei d'rauf gefasst!

Allen Lesern, die den "Zwiebelfisch" so freundlich mit Fundstücken beliefert haben, ein herzliches Dankeschön! Und wer von den verrückten Häkchen noch immer nicht genug hat, kann sich hier durch die Vorjahres-Galerie klicken. Viel Spaß!
17.9.06 08:35


Voll und ganz verkehrt

von Bastian Sick

Wer ganze Arbeit leistet, der hat auch Recht auf vollen Lohn. Doch wer Vollzeit arbeitet, arbeitet kaum die ganze Zeit. Wer ganze Stadien füllt, der füllt nicht volle Stadien, sondern leere. Mancher hat volle acht Jahre studiert, ein anderer ganze acht Jahre. Offenbar sind voll und ganz nicht voll und ganz dasselbe.

Es gibt in unserer Sprache viele Wörter, die auf den ersten Blick dasselbe zu bedeuten scheinen, die aber bei genauerer Betrachtung alles andere als gleichbedeutend sind. So wie "scheinbar" und "anscheinend" oder "gut" und "schön". Zu diesen Wörtern gehören auch "voll" und "ganz". Zwar können sie durchaus dasselbe, nämlich "vollständig" oder "restlos", bedeuten, so wie in diesen Beispielen:

"Er war wieder ganz (= vollständig) gesund."
"Der Bus war voll (= vollständig) besetzt."

Und doch sind "voll" und "ganz" nicht beliebig austauschbar. In der Standardsprache klingt die Aussage "Er war wieder voll gesund" ungewohnt. Dasselbe gilt für "Der Bus war ganz besetzt". Was nicht heißen soll, dass nichts "ganz besetzt" sein könne. Im Jahre 50 vor Christus war immerhin Gallien ganz besetzt. Ganz? Nun, wir wissen es besser. Auf keinen Fall aber war Gallien "voll besetzt", auch wenn das Land voller Römer war.

Wenn der Chef auf der Betriebsfeier mit lustigen Geschichten und Gesangeinlagen glänzt, wie er sie schon lange nicht mehr zum Besten gegeben hat, dann raunen sich die Mitarbeiter zu: "Heute ist er wieder ganz der Alte!" Es ist nicht davon auszugehen, dass sie sich sagen: "Heute ist er wieder voll der Alte." Vorstellbar wäre höchstens: "Mann, ist der Alte heute wieder voll!"

Es besteht also ein Unterschied zwischen "voll" und "ganz". Das ist uns im Grunde auch allen klar, meistens entscheiden wir uns intuitiv für das richtige Wort. Aber eben nicht immer. In einigen Fällen, wenn "voll" und "ganz" zu Adjektiven umgerüstet und vor Zahlwörter gestellt werden, um die Vollheit oder Ganzheit einer Menge anzuzeigen, dann wird es schwierig, dann lässt uns unser Sprachgefühl bisweilen im Stich.

Heißt es nun: Die Zahnarztbehandlung dauerte volle drei Stunden - oder ganze drei Stunden? Viele glauben, dass hier kein Unterschied bestehe, doch das ist nicht ganz richtig, denn es gibt eine nicht unerhebliche Nuance in der Bedeutung. Wenn die Behandlung "volle drei Stunden" dauerte, dann dauerte sie "nicht weniger als" drei Stunden. Man könnte auch von "gut drei Stunden" sprechen. "Ganze drei Stunden" sind zwar nicht weniger als volle drei, doch werden sie anders bewertet, denn "ganze drei" bedeutet "nicht mehr als drei Stunden".

Der Unterschied wird im folgenden Beispiel deutlicher: "Hunderte sind bei dem Grubenunglück verschüttet worden. Ganze drei Bergarbeiter konnten gerettet werden." Gemeint ist: Leider gab es nicht mehr als drei Überlebende. Das Wort "volle" wäre an dieser Stelle unpassend; dafür passt es wiederum im nächsten Satz: "Die Rettungsmannschaften brauchten volle sechs Tage, um das Wasser abzupumpen." Denn "volle" steht hier für "nicht weniger als".

"Bei großer Wärme dehnt sich das Metall aus und der Turm wächst um ganze 15 Zentimeter in die Höhe", konnte man vor einiger Zeit in der "Neuen Post" über das rätselhafte Sommerwachstum des Eiffelturms lesen. Die mathematisch erstaunliche Schlussfolgerung des Redakteurs ("Dann ist er nicht mehr 324 Meter, sondern 339 Meter hoch") verschaffte dem Artikel prompt einen Platz im "Hohlspiegel" ("Spiegel" 11/2006). Die Aussage ist aber noch unter einem anderen Aspekt interessant: Sind es denn nun wirklich "ganze" 15 Zentimeter, oder womöglich "volle"? "Ganze 15 Zentimeter" bedeutet "nicht mehr als 15 Zentimeter"; und wer um diese Bedeutung weiß, für den hört es sich so an, als würde das Wachstum des Eiffelturms als mickrig abgetan. "Volle" wäre treffender, da es "nicht weniger als" bedeutet und 15 Zentimeter gewachsenes Metall immerhin eine ganze Menge sind.

Dass "voll" mehr sein kann als "ganz", bekommt man gelegentlich am eigenen Leibe zu spüren. Ist es wirklich eine Auszeichnung, als "ganz in Ordnung" zu gelten? Das klingt eher nach einer drei minus. Angenehmer scheint es doch, "voll in Ordnung" zu sein.
17.9.06 08:33


Der Butter, die Huhn, das Teller

von Bastian Sick

Der, die, das, wer, wie, was? Die Verwirrung der Geschlechter ist nicht nur ein gesellschaftliches Thema, sondern auch ein sprachliches. Heißt es die Krake oder der Krake? Ist Python männlich oder weiblich? Trinken Sie ein Cola und lesen Sie das "Zwiebelfisch"!

"Chéri, bitte, 'ilfst du mir mit die Kleid?", fragt mich meine Freundin Suzanne, als sie mir die Tür öffnet. "Du hast Nerven", sage ich tadelnd, "die Oper beginnt in einer halben Stunde, und du bist immer noch nicht angezogen!" Suzanne zuckt mit den Schultern: "Isch kann misch einfach nischt entscheiden. Soll isch die rote Kleid oder die champagner Kleid anziehen - was meinst du?" - "Champagner klingt doch gut", murmele ich, "wo steht er?" - "Crétin, isch rede von die Kleid! Aber wenn du was trinken willst, da neben die Stuhl steht eine Flasche Sauvignon!"

Ich mag französischen Wein, französischen Käse, französische Musik - und ganz besonders mag ich den französischen Akzent. Wenn Suzanne deutsch spricht, dann klingt das wie Poesie. Und ihre Art, die Artikel durcheinander zu werfen, ist einfach zauberhaft. Die Kleid, die Stuhl, der Auto - darüber kann ich mich stets aufs Neue amüsieren. Die unheilige Dreispaltigkeit des grammatischen Geschlechts im Deutschen bringt jeden, der unsere Sprache lernt, früher oder später an den Rand der Verzweiflung. Und auch die Deutschen selbst geraten zwischen männlichem, weiblichem und sächlichem Geschlecht immer wieder ins Straucheln. Denn was meine französische Freundin Suzanne kann, das kann meine deutsche Freundin Sibylle schon lange.

Jeden Samstag bringt Sibylle ihre leeren Flaschen zum Supermarkt, um sich "den Pfand" abzuholen. Für sie ist das Pfand männlich. Zwecklos, sie von etwas anderem überzeugen zu wollen. Dafür ist das Motorfahrrad bei ihr weiblich: "Was, du hattest als Schüler keine Mofa? Das kann ich gar nicht glauben. Jeder, der cool war, hatte eine Mofa." Tatsache ist, dass ich ziemlich uncool war. Das Einzige, was mich an Mofas interessierte, war ihr Genus. Sibylles Stärken liegen eher beim Genuss als beim Genus. "Jetzt musst du das Crèmefraîche drunterrühren", sagt sie beim Kochen zu mir. Und als sie feststellt, dass sie das Rezept offenbar nicht ganz richtig abgeschrieben hat, bittet sie: "Kannst du mir mal eben das Radiergummi geben?" Für Sibylle ist der Radiergummi nämlich sächlich. Der Kaugummi natürlich auch.

Damit steht sie übrigens nicht allein. Viele Deutsche weisen bestimmten Dingen ein anderes Geschlecht zu, als es im Wörterbuch angegeben ist. Im Wörterbuch steht zum Beispiel, dass das Wort "Puder" männlich sei: der Puder. Trotzdem sagen viele "das Puder" - möglicherweise in Analogie zu Pulver, da Puder und Pulver nicht nur ähnlich klingen, sondern auch ähnlich beschaffen sind. Ein weiterer Fall dieser Art ist "die Geschwulst", die oft sächlich gebraucht wird - weil sie an "das Geschwür" denken lässt.

Am größten ist die Verwirrung der Geschlechter natürlich bei Fremdwörtern. Woher soll man zum Beispiel wissen, dass "Python" ein männliches Hauptwort ist? Es kommt aus dem Griechischen, und Griechisch haben die wenigsten Deutschen drauf. In solchen Fällen hilft man sich für gewöhnlich mit Analogien - sucht also nach vergleichbaren Wörtern. Und da der Python eine Schlange und die Schlange weiblichen Geschlechts ist, erscheint es eigentlich logisch, dem Python einen weiblichen Artikel voranzustellen - so wie man es ja auch von der Boa, der Viper und der Natter kennt. Doch weder der Biologielehrer noch der Deutschlehrer würden "die Python" durchgehen lassen.

Auch der Krake ist eindeutig männlich - und wird dennoch von vielen als weiblich angesehen. So auch von Sibylle. "Es heißt entweder die Krake oder der Kraken", behauptet sie. "Ich hab's doch gerade erst in 'Fluch der Karibik 2' gesehen, da haben sie's erklärt!" Leider hat sich Sibylle wie so oft gerade die falsche Antwort gemerkt. Aber so etwas passiert uns allen. Ich selbst musste mir erst vor kurzem sagen lassen, dass es nicht "die Paprika" heiße, sondern "der Paprika". Ich habe daraufhin im Wörterbuch nachgeschlagen: beides ist erlaubt (siehe auch Tabelle unten).

Einige Wörter treten sogar in drei Geschlechtsvarianten auf. "Triangel" zum Beispiel. Das dreieckige Schlaginstrument kann sowohl "die Triangel" genannt werden als auch "der Triangel", und in Österreich heißt es "das Triangel". Und wie steht's mit dem Wort Joghurt? Das ist standardsprachlich männlich (der Joghurt), kann aber auch sächlich sein (das Joghurt). Das ist eigentlich schon kompliziert genug - aber nicht für Sibylle. Sie sagt "die Joghurt", und darin lässt sie sich auch nicht beirren: "Probier mal diese Joghurt, die ist echt lecker!" Und als sie noch auf Partys ging, da hat sie auch mal "die eine oder andere Zigarillo" geraucht. Allerdings, so räumt sie ein, sei ihr davon regelmäßig schlecht geworden.

Hauptsächlich sind es die zahlreichen englischen Fremdwörter, die bei der Einbürgerung Probleme bereiten. Die englische Grammatik behandelt alle Dinge sächlich, doch bei der Übernahme ins Deutsche bekommen diese Dinge oft ein männliches oder weibliches Geschlecht. Meistens orientiert man sich dabei an der deutschen Entsprechung. Weil "mail" Post bedeutet und "Post" im Deutschen weiblich ist, sagen die meisten Deutschen "die E-Mail". Der "Brief" hingegen ist männlich, sodass "der Newsletter" einen männlichen Artikel bekommen hat. Dieses Prinzip lässt sich aber nicht immer anwenden. Oft übernehmen wir Wörter aus dem Englischen, für die es keine deutsche Entsprechung gibt - und folglich auch keine Geschlechtsvorgabe. Dass das Wort "Browser" von uns als männlich empfunden wird, dürfte eher an seinem Klang als an seinem deutschen Pendant liegen - nach dem wird nämlich noch immer gesucht.

Außerdem wird dieses Prinzip auch nicht überall angewandt. Im süddeutschen Raum sowie in Österreich und der Schweiz wird der sächliche Artikel bevorzugt. Dort heißt es "das Mail", und wer in Bayern eine Cola bestellt, der bekommt "ein Cola". Wenn in der Schweiz eine Straßenbahn durch einen Tunnel fährt, dann fährt "das Tram" durch "das Tunell" - mit Doppel-l statt Doppel-n.

Man braucht aber gar nicht so weit nach Süden zu gehen, die Verwirrung der Geschlechter beginnt bereits viel weiter nördlich - auf hessischen Bauernhöfen zum Beispiel. In der Rhön ist das Huhn keinesfalls sächlich, sondern weiblich. Auch das entbehrt nicht einer gewissen Logik, denn das Huhn ist schließlich das weibliche Pendant zum Hahn. Während die Kartoffel in der osthessischen Mundart männlich ist, ist die Butter im Schwäbischen männlich (""d'r Budder"). Und der Teller ist sächlich (""d's Deller"). Der Butter und das Teller, auch das ist Deutschland. Die Petersilie treibt es besonders bunt, die ist in osthessischer Mundart sächlich ("doas Pädersille") und im Bairischen männlich: "da Bädasui". Und woraus sind schwäbische Osterhasen gemacht? Nicht aus weiblicher Schokolade, sondern aus männlichem "Schogglaad"! Derlei Kurioses findet man natürlich auch im Badischen, im Saarländischen, im Fränkischen und im Sächsischen. Mit dem allmählichen Rückgang der Dialekte geht freilich auch die Vielfalt bei der Geschlechterverteilung verloren.

"Tust du mir noch einen kleinen Kartoffel und etwas von dem Butter auf das Teller, Chéri?", bittet mich Suzanne, als wir nach der Oper noch zusammen eine Kleinigkeit essen. Ich kann mir ein Lachen nicht verkneifen; Suzanne blickt mich irritiert an: "'Abe isch etwas Falsches gesagt?" - "Nein, nein", erwidere ich, "alles bestens! Ein Schwabe hätte es nicht besser sagen können!"
17.9.06 08:32


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