Schneckenleben

 

* Startseite     * Über...     * Archiv     * Gästebuch     * Kontakt



* Themen
     Aktivitäten
     Buchempfehlungen
     Geistesblitze
     Kochkünste
     Kurzgeschichten
     Lyrics
     Märchen
     Schule
     Urlaub
     Zwergenseite
     Zwiebelfisch

* mehr
     Links
     Gedichte






Das Bild hängt schief

Von Bastian Sick

Kennen Sie den Sketch, in dem Loriot ein schief hängendes Bild geradezurichten versucht und dabei das komplette Zimmer verwüstet? Die Idee ist keinesfalls weit hergeholt, denn schiefen Bildern begegnet man täglich. Die Medien sind voll davon.

Ich bin vor kurzem umgezogen, und mittlerweile ist meine Wohnung fast vollständig eingerichtet. Es fehlen nur noch ein paar Kleinigkeiten - zum Beispiel Bilder an den Wänden. Aber gerade damit tue ich mich besonders schwer, denn das Anbringen von Bildern ist eine heikle Sache. Das weiß ich aus Berufserfahrung. Nun bin ich weder Galerist noch Innenarchitekt, sondern Journalist. Aber gerade in diesem Beruf sind Bilder ein Problem. Ehe man sich versieht, hängt eines schief. Oder es fällt einem direkt auf den Fuß.

Wenn Ihnen das zu bildhaft ist, kann ich selbstverständlich auch gern konkreter werden. Wie wäre es mit einem Beispiel? Beginnen wir einfach mit dem "Heidengeld".

Zusammensetzungen mit dem Wort "Heiden" wie in Heidenspaß und Heidenarbeit zählen ohnehin nicht zum guten Stil, zumal sie durchs Raster der allgegenwärtigen Political Correctness fallen. Umso mehr wird man stutzig, wenn man in einem Artikel über den Wiederaufbau in Ostdeutschland folgenden Satz liest: "Gerade im Gebiet der Ex-DDR wird ein Heidengeld schon für die Notsicherung jahrzehntelang vernachlässigter und einsturzgefährdeter Kirchen benötigt." Ein Heidengeld für die Rettung der Kirche - wenn da mal nicht der Teufel seine Finger im Spiel hat!

Dazu passt auch jener Bericht, der auf der Internetseite des Bayerischen Rundfunks zu lesen war. "Altötting ist an sich schon ein wichtiger Wallfahrtsort für Katholiken mit vielen tausend Besuchern jährlich", hieß es dort. "Wenn im September allerdings der Papst in die Stadt kommt, wird der Teufel los sein." Der Bayerische Rundfunk ist eigentlich nicht für lästerliche Wortspielereien bekannt, daher ist kaum anzunehmen, dass es sich beim stilistischen Zusammentreffen von Papst und Teufel um eine bewusst gewählte Metapher handelt. Vielmehr dürfte Gedankenlosigkeit der Grund gewesen sein, und das ist der Strauch, an dem die knalligsten Stilblüten blühen.

Ähnlich paradox wie die Tatsache, dass einsturzgefährdete Kirchen ausgerechnet mit Heidengeld gerettet werden sollen, mutet jene Meldung aus den Fernsehnachrichten an, in der es hieß: "Die winterlichen Witterungsverhältnisse haben in Asien zu einem regelrechten Chaos geführt." Ein Chaos nach Regeln! Das ist fast so schön wie die eingefleischte Vegetarierin.

Oft entsteht der Fehler durch eine Kreuzung zweier Redewendungen, die ähnlich lauten und womöglich auch eine ähnliche Bedeutung haben. Aus den beiden Drohgebärden "die Messer wetzen" und "mit den Säbeln rasseln" erschuf ein Sportreporter kurzerhand ein neues geflügeltes Wort und kommentierte die gefasste Haltung der Chefs des McLaren-Mercedes-Teams nach einer Massenkarambolage in Indianapolis mit folgenden Worten: "Innerlich dürften sie allerdings ... überkochen und schon gewaltig mit den Messern wetzen." Und nicht nur das Wetzen mit den Messern ist hier bemerkenswert. Ebenso spannend ist die Frage, wie etwas innerlich überkochen kann.

Apropos Messer: Vor einiger Zeit nahm die Hamburger Polizei einen Serientäter fest, der mindestens vier Überfälle auf Spielhallen begangen haben soll. "In einem Fall hatte er eine als Aufsicht arbeitende Frau mit einem Messer bedroht und leicht verletzt", berichtete das "Hamburger Abendblatt". Der Festgenommene bestreite die Taten zwar, doch habe das Raubdezernat für eine Anklage "stichhaltige Beweise".

Da tun sich Abgründe auf, nicht wahr? Der Abgrund ist ja ebenfalls ein gern zitiertes Bild, an dessen Rand immer wieder jemand steht. Doch nicht immer bleibt es dabei. Manche gehen einen Schritt weiter.

Sensenblätter können leicht mal eine Scharte bekommen. Mit entsprechendem Schleifgerät lässt sich eine solche meistens problemlos wieder auswetzen. Manch einer scheint zu glauben, das funktioniere auch mit einem Bügeleisen. Zwei glücklosen Fußballvereinen wurde von einem Redakteur der "Ostsee-Zeitung" prophezeit: "Morgen können beide mit Heimvorteil diese Scharte ausbügeln."

Überhaupt scheinen einige Männer recht seltsame Vorstellungen vom Bügeln zu haben. So stellte ein Reporter während der Übertragung eines Reitturniers in Wiesbaden lakonisch fest: "Was einmal in die Hose gegangen ist, kann nicht mehr geradegebügelt werden." Das hätte Loriot nicht trefflicher formulieren können.
30.8.07 13:42


Rindswahn und anderer Schweinekram

Von Bastian Sick

Ob wir sie nun lieber gebraten oder gekocht mögen: Unser Verhältnis zu Kühen und Schweinen ist kompliziert. Auch in grammatischer Hinsicht. Was ist korrekt: Schweinshaxe oder Schweinehaxe, Rindsbraten oder Rinderbraten?

Ein paar Jahre lang war ich mal Vegetarier, aber am Ende hat die Fleischeslust doch gesiegt. Tut mir leid, Schweinchen Babe! Eines hat sich allerdings nicht geändert: Das Thema Fleisch bringt mich immer wieder in Erklärungsnot. Früher war es der ethische Aspekt, heute ist es der grammatische. Denn unsere Sprache gibt sich recht konfus, wenn es um Fleisch geht. Genauer gesagt, um die Zusammensetzungen aus fleischlichen Wörtern.

Nimmt man sich nur mal das Schwein vor, so stößt man alsbald auf eine einzige sprachliche Sauerei: Es gibt Schweinebauch und Schweinebraten mit einem "e" in der Mitte, aber Schweinsohren und Schweinsleder mit einem "s". Wer es eilig hat, der erledigt Dinge im Schweinsgalopp. Und wer eine Ferkelei anrichtet, der macht nicht etwa Schweinekram oder Schweinskram, sondern einfach Schweinkram.

"Musst du Fleisch vom Schwein gar nicht essen", sagt mein türkischer Nachbar, "dann hast du auch diese Probleme nischt!" Dieser sicherlich gut gemeinte Rat hilft aber nicht weiter, denn beim Rind sieht es nicht besser aus. Da gibt es Zusammensetzungen mit "er", dann gibt es welche mit "s" und schließlich solche ohne alles: Rinderroulade, Rindsbraten und Rindvieh.

Mal wird die Zusammensetzung also von der Einzahl "Rind" gebildet, mal von der Mehrzahl "Rinder". Das kann daran liegen, dass mit dem Wort "Rind" sowohl ein einzelnes Tier als auch die ganze Art gemeint sein kann. Auf jeden Fall lässt sich ein regionaler Unterschied feststellen: Im norddeutschen Sprachraum sind Zusammensetzungen mit "Rinder" üblich (Rinderbraten, Rinderbrühe, Rinderfilet), im süddeutschen Sprachraum sowie in Österreich und in der Schweiz Zusammensetzungen mit "Rinds": Rindsbraten, Rindsbrühe, Rindsfilet. Das kann man sich noch irgendwie merken.

Dies gilt aber nur, wenn es sich um Fleischerzeugnisse handelt. Denn die Rinderherde und die Rinderauktion sind auch für den Bayern keine Rindsherde und keine Rindsauktion. Umgekehrt gibt es dafür kein "Rinderleder", auch wenn Google mehr als 28.000 Treffer für "Rinderleder" ausspuckt. Der Duden führt nur die Formen "Rindsleder" und "Rindleder".

Und die Erklärung mit der nord- und süddeutschen Behandlung von Fleischerzeugnissen scheitert ausgerechnet am Wort "Rindfleisch" selbst; denn so wenig, wie man im Norden "Rinderfleisch" sagt, so wenig sagt man im Süden "Rindsfleisch". Die Suche nach einer befriedigenden Antwort auf diese Ungereimtheiten endet zwangsläufig im Rinderwahn. Mein Freund Henry erteilte mir unlängst den Rat: "Zerkau nicht die Wörter, sondern das Fleisch!"

Beim Kalb wird's etwas übersichtlicher: Die meisten Zusammensetzungen haben ein Fugen-s: Kalbsbrust, Kalbsleber, Kalbsschnitzel, Kalbsragout. Nur bei wenigen Ausnahmen kann das "s" fehlen: Kalbsfell und Kalbsleder gibt es auch als Kalbfell und Kalbleder.

Beim Kalbfleisch indes wird laut Duden grundsätzlich auf das Fugen-s verzichtet (woran sich aber viele Kochrezepte nicht halten). Wenn es um das Tier und nicht nur um Tierprodukte geht, dann wird der Plural verwendet: Kälberaufzucht, Kälberfutter, Kälberstall. Und wie steht's mit dem Mist im Kälberstall? Ist der nicht auch ein Tierprodukt? Demnach müsste er Kalbsmist heißen und nicht Kälbermist.

Kommt der Wolf eigentlich im Schafspelz daher oder nur im Schafpelz? Beides ist möglich, sonst wäre es ja auch zu leicht! Das Schaf gilt als so dumm, dass es im Grunde völlig egal ist, ob es bei Zusammensetzungen ein Fugen-s erhält oder nicht: Schafsmilch ist genauso gut wie Schafmilch, Schafskäse genauso recht wie Schafkäse. Die meisten Wollpullover sind aus Schafwolle, aber es gibt auch welche aus Schafswolle. Bei den Schafprodukten herrscht Beliebigkeit, und die Frage, ob es "Schaffleisch" oder "Schafsfleisch" heißt, stellt sich gar nicht erst, da auf allen Speisekarten immer nur Hammelfleisch oder Lammfleisch angeboten wird. Ist das Schaf indes als Tier gemeint, so kommt es ohne Fugen-s aus: Schafbock, Schafweide, Schafzucht.

Noch unerhörter verhalten sich die geflügelten Wörter: Man nehme ein einzelnes Suppenhuhn und verarbeite es zu einer schmackhaften Suppe. Was kommt dabei heraus - Huhnsuppe? Keinesfalls! Hühnersuppe heißt das Resultat! Auf wundersame Weise wurde hier das Huhn vermehrt. Wer Gänsebraten bestellt, darf trotz allem nur mit dem Braten von einer Gans rechnen. Eigentlich müsste man es daher Gansbraten nennen. Aber beim Geflügel zählt offenbar in erster Linie die Quantität. Wer hält sich auch schon ein einzelnes Huhn oder eine einzelne Gans?

So kann selbst die eigenbrötlerischste Gans immer nur kollektiv Gänseeier legen, niemals ein Gansei. Anders der Schwan: Der legt keine Schwäneeier, sondern Schwaneneier. Aber den Schwan und seine Eier essen wir ja auch nicht. Jedenfalls nicht mehr. (In früheren Zeiten galt Schwanenbraten als Delikatesse.)

Ein jeder hat schon mal eine Hühnerbrust gesehen, aber bestimmt keine Perlhühnerbrust. Wenn das Geflügel mit einem Vorsatz versehen wurde, wird es plötzlich wieder singularisiert: Wildgansbraten, Zwerghuhnei, Graugansküken, Perlhuhnbrust. Dies gilt wiederum nicht für Geflügel, das mit einem "e" endet, so wie die Ente, die Pute und die Taube. Die Stockentenbrust ziert genauso ein "n" wie die gewöhnliche Entenbrust. Spätestens an dieser Stelle dürfte mancher Ausländer beschließen, den Deutschkurs abzubrechen und doch lieber eine leichtere Sprache zu lernen. Ich könnte es ihm nicht verübeln!

Bei Kalbfleisch und Rindfleisch wird auf das Fugenzeichen verzichtet. Beim Schweinfleisch aber nicht, das gibt es nur als Schweinefleisch. Und Huhnfleisch und Gansfleisch gibt es schon gar nicht, es sei denn, man setzt noch etwas davor. Das finden Sie unlogisch? Ich auch. In dieser Angelegenheit ist unsere Grammatik der reinste Schweinestall. Oder Schweinsstall? Nun ja, ein Saustall eben.
30.8.07 13:36


Der mit dem Maul wirft

Von Bastian Sick

Sind Windhunde schnell wie der Wind? Reifen Schattenmorellen am besten im Schatten? Wurden am Rosenmontag einst Rosen unters Volk geworfen? Die Antwort lautet in allen Fällen: nein! Denn keines der Wörter hat mit dem zu tun, wonach es aussieht.

Ich war gerade sieben Jahre alt, als ich zum ersten Mal von einer äußerst mysteriösen Krankheit hörte, die offenbar sehr gefährlich war. Ich kannte bis dahin nur Windpocken, Masern und Scharlach - nichts, was sich nicht mit Bettruhe, Gummibären und Comicheften kurieren ließ. Aber nun war ein Mitschüler an Hepatitis erkrankt. Die Schulleitung war sehr besorgt, und aus Angst vor einer Ansteckung wurden wir alle nach Hause geschickt. Hepatitis sagte damals allerdings nur der Arzt, die Leute bei uns im Dorf sprachen von Gelbsucht.

Ich verstand etwas anderes, "Gelbsucht" ergab für mich jedenfalls keinen Sinn, denn wie sollte man nach einer Farbe süchtig werden können? Meiner Mutter erklärte ich, dass ein Kind in meiner Klasse die Geldsucht bekommen habe. Ich machte mir viele Gedanken deswegen. Konnte man an Geldsucht sterben? Oder darüber den Verstand verlieren? Hatte ich mich womöglich schon angesteckt? Immerhin hatte ich in letzter Zeit doch häufiger daran gedacht, meinen Vater um eine Taschengelderhöhung zu bitten! Eine große Angst erfasste mich. Ich nahm mein Sparschwein, gab es meiner Mutter und bat sie, es bis auf weiteres vor mir zu verstecken. Als ich schließlich erfuhr, dass die Krankheit gar nichts mit Geld zu tun habe, war ich sehr erleichtert.

Derlei Missverständnisse kennt wohl ein jeder von uns. Meine Freundin Sibylle glaubte als Kind an Knecht Huprecht, an Renntiere und an Eisbärsalat. "Wat man nich' selber weiß, dat muss man sich erklären", wusste der großartige Jürgen von Manger zu singen, und so haben sich die Menschen immer schon ihren eigenen Reim auf Dinge gemacht, die sie nicht verstanden.

Das ist ein ganz natürlicher Vorgang, dem der Duden und der Wahrig einige schöne, klangvolle Einträge zu verdanken haben. Im Laufe der Sprachgeschichte ist so manche Wortbedeutung in Vergessenheit geraten, und wann immer man sich unter einem bestimmten Wort nichts mehr vorstellen konnte, hat man stattdessen ein anderes gewählt, das ähnlich klang. Nicht selten erfuhr das Wort dadurch eine neue Deutung, die mit dem ursprünglichen Sinn nicht viel zu tun haben musste. So entstanden Wörter wie Affenschande, Windhund und Rosenmontag.

Letzter hat seinen Namen nämlich nicht etwa von Rosen, sondern vom Rasen. "Rasender Montag" sagte man einst, weil das feierlustige Volk schon zu früheren Zeiten am Rosenmontag außer Rand und Band geriet. Der Windhund mag vielen zwar "schnell wie der Wind" erscheinen, doch verdankt er seinen Namen dem slawischen Volk der Wenden: Windhund bedeutet "wendischer Hund". Und auch die Affenschande ist nicht das, wonach sie aussieht, jedenfalls hat sie nichts mit Affen zu tun. Der niederdeutsche Ausdruck "aapen schann" bedeutete nichts anderes als "offene (öffentliche) Schande".

Um herauszufinden, was der Name "Maulwurf" ursprünglich bedeutete, muss man ziemlich tief graben. Im frühen Mittelalter hieß der Maulwurf noch "muwerf", das bedeutete "Haufenwerfer". Der erste Teil des Wortes ging auf das angelsächsische Wort muga oder muha für Haufen zurück. Ein paar Jahrhunderte später war aus dem "muwerf" ein "moltwerf" geworden; denn "molt" war im Mittelhochdeutschen das Wort für Erde und Staub. Dieses wurde über "mult" zu "mul", bis es schließlich gar nicht mehr verwendet wurde, sodass man sich die Bedeutung des Wortes "mulwurf" nicht mehr erklären konnte und "mul" durch das ähnlich klingende "Maul" ersetzte. Und so wurde aus dem Erdwerfer schließlich der, der mit dem Maul wirft.

In der Sprachwissenschaft werden solche Neudeutungen von Wörtern "Volksetymologie" genannt. Anders ausgedrückt: Wir basteln uns eine neue Herkunftserklärung und passen, wenn nötig, die Schreibweise des Wortes ein wenig an. So etwas geschah (und geschieht bisweilen noch immer) vor allem bei der Übernahme von Fremdwörtern. So machten die Deutschen aus dem indianischen Wort hamáka die Hängematte. Und jene aus Frankreich stammende Sauerkirsche, nach ihrem Herkunftsort "Château de Moreille" genannt, wurde im Deutschen zur Schattenmorelle. Die Annahme, diese Kirschensorte gedeihe besonders im Schatten, trifft folglich nicht zu.

Andere Völker machten es übrigens genauso. Der englische Notruf "Mayday" ist eine volksetymologische Ableitung des französischen "(Venez) m'aider", auf Deutsch "Helft mir!" oder "Rettet mich!". Und wenn der Schiedsrichter beim Tennis den Punktestand mit "thirty: love" (dreißig zu null) verkündet, so hat das nichts mit Liebe zu tun. "Love" kommt vom französischen "l'oeuf", dem Wort für Ei. Und ein Ei erinnert schon eher an die Zahl Null als das englische Wort love - auch wenn sich schon so mancher Liebhaber bei näherer Betrachtung als eine glatte Null erwiesen haben mag. Übrigens ist auch das Wort Tennis selbst eine klangliche Übernahme aus dem Französischen. Es kommt von dem Ausruf "Tenez!" ("Da!", "Sehen Sie!"), mit dem die Spieler ihren Aufschlag ankündigten. Ursprünglich wurde Tennis nicht mit Schlägern, sondern mit bloßen Händen gespielt. Der alte französische Name des Spieles lautet "Jeu de Paume", wörtlich übersetzt: Handflächenspiel.

Das kuriose Wort "Fisimatenten" wird gern als Übernahme aus dem Französischen erklärt. Es soll sich um die Verballhornung von "Visitez ma tente" handeln, einer Einladung, mit der die napoleonischen Besatzungssoldaten angeblich deutsche Frauen in ihr Zelt zu locken versuchten. Doch erstens ist es sehr unwahrscheinlich, dass es den Soldaten erlaubt war, Frauen in ihren Zelten zu empfangen, zweitens ist das Wort bereits seit dem 16. Jahrhundert verbürgt und geht höchstwahrscheinlich auf das mittelhochdeutsche Wort "visamente" zurück, welches "Zierrat" bedeutete.

Klangliche Angleichungen und damit verbundene Umdeutungen von Wörtern hat es früher oft gegeben, es gibt sie aber auch noch heute. Ein berühmtes Beispiel aus der jüngeren Zeit ist der Ballermann. Dabei handelt es sich um eine Verball(ermann)hornung des spanischen Wortes "balneario". Wer jemals in S'Arenal auf Mallorca gewesen ist, der wird kaum glauben können, was das Wort "balneario" eigentlich bedeutet: Badeort, Kurbad. Im Spanischen versteht man darunter einen Ort der Ruhe und der Erholung. Ay caramba!
30.8.07 13:35


Willkommen in der Marzipanstadt

Von Bastian Sick

So wie Menschen sich gern mit Titeln schmücken, so tragen auch immer mehr Städte einen Namenszusatz: Messestadt, Universitätsstadt, Festspielstadt. Zur Not tut es auch ein Dom, ein Kaiser oder eine römische Ruine.

Gelegentlich kommt es vor, dass zwei kleinere Ortschaften zu einer größeren vereint werden. Dabei entstehen dann kuriose Doppelnamen wie Hellenhahn-Schellenberg, Billigheim-Ingenheim, Orsingen-Nenzingen oder Peterswald-Löffelscheid.

So etwas geschah auch mit dem schönen Städtchen Wittenberg. Es wurde irgendwann mit einem Ort namens Lutherstadt vereint, und seitdem gibt es den Namen Wittenberg nicht mehr allein. Seitdem ist nur noch von "Lutherstadt Wittenberg" die Rede. Auf allen Ortschildern, auf den Schildern im Bahnhof, auf Ansichtskarten und auch im Internet, überall kann man es so lesen. Wie ich zu meiner Schande gestehen muss, kannte ich bislang nur Wittenberg. Von einem Ort namens Lutherstadt hatte ich zuvor nie gehört. Aber man lernt bekanntlich nie aus.

Wenn Sie jetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und rufen: "Das darf ja wohl nicht wahr sein, der will mich wohl veräppeln - Lutherstadt ist doch nur ein Beiname!", dann seien Sie beruhigt - das ist mir schon klar. Aber vielen anderen, gerade jüngeren Menschen, ist dies nicht klar - denn bei der Hartnäckigkeit, mit der von "Lutherstadt Wittenberg" gesprochen und dabei der Artikel weggelassen wird, bleiben Missverständnisse nicht aus. Selbst der Zugführer im ICE spricht es wie einen Doppelnamen aus: "In wenigen Minuten erreichen wir Lutherstadt Wittenberg." Wenn er sagte "In wenigen Minuten erreichen wir die Lutherstadt Wittenberg", dann wäre die Sache klar. Doch so klingt es irritierend. Ich komme ja auch nicht "aus Hansestadt Hamburg", sondern allenfalls aus der Hansestadt Hamburg. Aber meistens genügt mir ein schlichtes "Ich komme aus Hamburg". Wittenberg ist übrigens nicht die einzige Stadt, die sich mit dem Namen des Reformators Martin Luther schmückt, auch Eisleben nennt sich Lutherstadt.

Natürlich ist nichts dagegen einzuwenden, wenn eine Stadt sich ihrer Geschichte und ihrer berühmten Söhne und Töchter besinnt und diese stolz nach außen kehrt. Bedenklich wird es nur, wenn der Name der Stadt hinter dem Beinamen verblasst.

Zwischen 1953 und 1990 hieß die sächsische Stadt Chemnitz Karl-Marx-Stadt. Nicht etwa "Karl-Marx-Stadt Chemnitz", so wie "Lutherstadt Wittenberg", sondern nur Karl-Marx-Stadt. Der Name "Chemnitz" war abgelöst. Während der Wende beschlossen die Chemnitzer, ihre Stadt wieder umzubenennen. Sie hatten ohnehin nie "Karl-Marx-Stadt" gesagt, sondern eher etwas in der Art wie "Gorl-Morks-Stodt". Der Name Karl Marx war also wieder frei. Eigentlich hätte sich daraufhin seine Geburtsstadt Trier den Beinamen "Karl-Marx-Stadt" zulegen können, aber die nennt sich lieber "Römerstadt" oder "Kaiserstadt". Kaiserstädte gibt es allerdings mehrere, Domstädte erst recht, und die Zahl der Messestädte und Universitätsstädte ist kaum noch zu überblicken.

Glücklich, wer da mit einem Prädikat werben kann, das einzigartig ist. So wie die "Leineweberstadt Bielefeld" oder die "Rattenfängerstadt Hameln".

Auf einer meiner Lesereisen durchs wilde Westfalen hielt der Zug in einem Ort namens Bünde, der sich, wie ich dem Hinweisschild auf dem Bahnsteig entnehmen konnte, "Zigarrenstadt" nennt. So erfährt der Reisende, dass dieser Ort mehr ist als nur ein "Mittelzentrum", das "Versorgungsfunktionen für einen überörtlichen Raum" erfüllt, wie es im Landesentwicklungsplan Nordrhein-Westfalens heißt. Ebenfalls in Westfalen liegt die Stadt Beckum, die - allerdings inoffiziell- auch "die Zementstadt" genannt wird.

Wer nicht mit einem berühmten Dichter oder Denker aufwarten kann, bedient sich halt bei den Bösewichten, so wie die "Störtebekerstadt Ralswiek".

Längst schon gibt es zahlreiche Städte, denen ein Zusatz nicht mehr reicht. Bayreuth mag sich nicht damit begnügen, mit Richard Wagner assoziiert zu werden. Die Stadt nennt sich "Festspiel- und Universitätsstadt". So eine Universität ist ja auch was Feines für den Ruf.

Aber Namenszusätze machen eine Stadt nicht unbedingt bedeutender, in der Fülle lassen sie sogar auf eine Profilneurose schließen. Ein schlichtes "Willkommen in Hannover" lässt dem Besucher noch ein paar Illusionen, es regt seine Phantasie an und macht ihn womöglich neugierig, diese Stadt zu entdecken, die sich so selbstbewusst und unprätenziös präsentiert. Wenn er aber mit den Worten "Willkommen in der Messe- und Expostadt" empfangen wird, hat er bereits am Bahnhof die Gewissheit, in der Provinz angekommen zu sein.

Der Trend zur Namensverlängerung ist allerdings kaum noch aufzuhalten. Vielleicht werde ich in nicht allzu ferner Zukunft am Bahnhof meiner Geburtsstadt Lübeck von einer Lautsprecherstimme mit den Worten begrüßt: "Willkommen in der Hanse-, Mann- und Marzipanstadt Lübeck!" Dann kann ich eigentlich gleich sitzenbleiben und durchfahren bis zur "Förde-, Landeshaupt- und Universitätsstadt Kiel".
30.8.07 13:33


Die weibliche Mut

Von Bastian Sick

Mut ist von Alters her eine männliche Eigenschaft. Darum heißt es der Edelmut, der Freimut, der Hochmut. Klare Sache. Doch was ist mit Wörtern wie Anmut, Demut und Schwermut? Die sind weiblich! Sollte der Mut am Ende weniger männlich sein als gedacht?

Beim Erlernen einer Fremdsprache ist man überaus dankbar, wenn man anhand bestimmter Endungen das Geschlecht eines Wortes erkennen kann. Im Italienischen zum Beispiel gilt die Regel, dass Wörter, die auf -o enden, männlich sind: il vino, il cappuccino, il palazzo. Wörter auf -a hingegen sind weiblich: la gondola, la signora, la pizza.

Auch im Deutschen gibt es Endungen, die auf das Geschlecht eines Hauptwortes hindeuten. Wörter, die auf -ung enden, sind weiblich: die Ahnung, die Berührung, die Zeitung. (Und wer jetzt einwenden will, das Wort "Kuhdung" sei aber männlich, der läuft Gefahr, auszurutschen und in selbigem zu landen.)

Das Ärgerliche an den deutschen Endungen ist, dass es bei der Zuordnung des Geschlechts keine hundertprozentige Verlässlichkeit gibt. Zu jeder Regel gibt es mindestens eine Ausnahme, meistens sogar mehrere. Wörter auf -tum sind mehrheitlich sächlich: das Brauchtum, das Königtum, das Wachstum. Das gilt aber nicht für das Wort "Reichtum". Das Anhäufen von Reichtümern hatte offenbar schon immer etwas Männliches. Wer dahinter einen sprachlichen Chauvinismus vermutet, der sei getröstet: auch "der Irrtum" ist männlich!

Ein besonderes Interesse wecken Wörter, die auf -mut enden. Immer wieder wollen Leser von mir wissen, warum der Übermut und der Edelmut männlich seien, die Wehmut und die Schwermut aber weiblich. "Mut" sei doch ein männliches Wort, warum sind dann nicht auch alle Zusammensetzungen männlich? Die Frage ist berechtigt - und nicht ganz leicht zu beantworten. Das Geschlecht hängt nämlich von der Qualität der jeweiligen Eigenschaft ab. Wobei die Grammatik hier nicht zwischen guten (z.B. Edelmut, Freimut, Sanftmut) und schlechten (z.B. Missmut, Wankelmut, Unmut) Gemütszuständen unterscheidet, sondern zwischen lauten und leisen. Genauer gesagt zwischen nach innen gekehrten und nach außen gekehrten.

"Extrovertierte Affektbegriffe sind meist maskulin, introvertierte meist feminin", heißt es in einem Grammatikwerk. Ob solch verblüffender Erkenntnis würde Mister Spock von der "Enterprise" die Augenbrauen hochziehen und sagen: "Faszinierend!" Welch ein Licht wirft dies wiederum auf das Verständnis von Männlichkeit und Weiblichkeit! Hochmut, Übermut und Wagemut werden als extrovertiert und männlich empfunden, Sanftmut, Wehmut und Schwermut als weiblich-introvertiert. Ob das noch zeitgemäß ist? Wenn ich drüber nachdenke, fallen mir mehr wehmütige Männer als Frauen ein, und die Zahl der edelmütigen Frauen in meinem Bekanntenkreis ist nicht kleiner als die der edelmütigen Männer.

Viel rätselhafter aber ist für mich die Tatsache, dass eine derart feine Unterscheidung wie die zwischen extrovertierten und introvertierten Affekten bereits in früheren Jahrhunderten ihren Niederschlag in der Grammatik finden konnte. Woher nahmen die Menschen zu jener Zeit, als Wörter wie Hochmut, Kleinmut, Langmut und Großmut entstanden, jenes hoch entwickelte Sprachgefühl, das es ihnen erlaubte, zwischen nach innen und nach außen gewandten Eigenschaften zu unterscheiden? Heute kann zwar fast jeder Deutsche irgendwie lesen und schreiben, und jeder Zweite war auch schon mal im Fernsehen oder im Radio, aber nur die wenigsten sind in der Lage, ihre Gemütszustände zu beschreiben, geschweige denn, ihnen eine grammatische Qualität zuzuweisen.

Als ich das Phänomen der mutigen Wörter, die mal männlich und mal weiblich sind, vor einer 6. Schulklasse anspreche, meldet sich einer der Schüler ganz aufgeregt und sagt: "Bei uns daheim ist das auch so! Meine Mama heißt Almut und mein Papa heißt Helmut!"
30.8.07 13:32


Grüner Eintopf mit Bohnen

Von Bastian Sick

König Gurki vom Gemüseland ist ratlos. Einige seiner Untertanen wollen sich einfach nicht beugen. Immer wieder muss er von grüne Bohnen und von gelbe Rüben lesen. Und wenn König Gurki eines partout nicht vertragen kann, dann ist es grammatischer Ungehorsam.

Da läuft einem doch das Wasser im Munde zusammen: Die Tageskarte der gutbürgerlichen Gaststätte "Zum Felseneck" verheißt am Dienstag "Lammhaxe ala provons mit Rosmarienkartoffeln und grüne Bohnen". Dieses Angebot ist nicht nur unter orthografischen Gesichtspunkten bemerkenswert. Es wirft zudem eine Frage auf, die viele Gemüter bewegt, vor allem in der Gastronomie: Kann man grüne Bohnen beugen? Gibt es die Lammhaxe "mit grüne Bohnen" oder "mit grünen Bohnen"? Die Antwort darauf ist eigentlich ganz einfach: Selbstverständlich kann man grüne Bohnen beugen. Man kann sie sogar brechen - weshalb sie auch Brechbohnen genannt werden*. "Grüne Bohne" ist zwar ein Name, aber das heißt nicht, dass seine Bestandteile unveränderlich wären.

Dasselbe gilt auch für die rote Rübe, besser bekannt als rote Bete. Ein interessantes Wurzelgemüse aus der Familie der Gänsefußgewächse, das übrigens nichts mit Blumenbeeten zu tun hat, weshalb die oft anzutreffende Schreibweise mit Doppel-e (Rote Beete) irreführend ist, auch wenn sie vom Duden als zulässig geführt wird. Das Wort Bete geht auf das lateinische Wort beta zurück, welches Rübe bedeutet. Schon die Germanen kannten es, "Bete" kann also getrost als eingedeutscht betrachtet werden - und verdient es daher, nach den Regeln unserer Grammatik behandelt zu werden. Die norddeutsche Spezialität Labskaus wird traditionell mit roter Bete serviert. Bei "Labskaus mit rote Bete" handelt es sich folglich um eine nichtautorisierte Nebenform.

Richtig kompliziert wird es jedoch, wenn sich dem farbigen Gemüse ein weiteres Hauptwort anschließt und wir es plötzlich mit einer dreiteiligen Zusammensetzung zu tun haben. Wie richtet man einen Eintopf mit grünen Bohnen grammatisch korrekt an? Ist es ein "grüner Bohneneintopf"? Was dürfen wir erwarten, wenn wir der Aufforderung nachkommen: "Probieren Sie unseren leckeren grünen Bohneneintopf!" Einen grünen Eintopf, das steht außer Frage. Die darin schwimmenden Bohnen könnten jedoch auch gelb oder rot sein, denn das Farbadjektiv bezieht sich grammatisch auf den Eintopf und nicht auf die Bohnen.

Manch einen interessiert dies vielleicht nicht die Bohne. Als "Zwiebelfisch" muss ich dem Eintopf natürlich auf den Grund gehen. Meistens tun uns die Farbadjektive ja den Gefallen, mit dem Grundwort zu verschmelzen, was die weitere Behandlung erheblich vereinfacht. So wie bei der Schwarzwurzel oder dem Weißkohl. Hier bereitet die Verarbeitung zur Suppe oder zur Roulade keine Probleme, denn wir brauchen uns nicht den Kopf darüber zu zerbrechen, ob wir es mit einer "schwarzen Wurzelsuppe" oder einer "weißen Kohlroulade" zu tun haben. Schwarzwurzelsuppe und Weißkohlroulade - fertig ist das Menü. Leider machen es uns nicht alle extra-bunten Obst- und Gemüsesorten so leicht.

Nehmen wir nur die schwarze Johannisbeere. Sie gibt es leider nicht als Schwarzjohannisbeere, daher stehen wir bei der Verarbeitung zum Gelee vor einem Problem: Ist ein Gelee aus schwarzen Johannisbeeren ein schwarzes Johannisbeergelee? Die meisten würden wohl spontan zustimmen, aber trügt das Gefühl hier nicht?

In Zeiten saurer Gurken spricht man schließlich nicht von sauren Gurkenzeiten, sondern von Sauregurkenzeiten. Wenn das Adjektiv freisteht, passt es sich an. In Zusammensetzungen hingegen wird es starr. So wird aus roter Bete die Rote-Bete-Suppe, aus gelben Rüben der Gelbe-Rüben-Kuchen (auch: Möhrentorte) und aus schwarzen Johannisbeeren entsprechend ein Schwarze-Johannisbeer-Gelee.

Und die grünen Bohnen landen nicht im grünen Bohneneintopf, sondern im Grüne-Bohnen-Eintopf. Ein Glas mit grünen Bohnen ist schließlich auch kein grünes Bohnenglas. Oder doch? In welchen Altglascontainer gehört es dann: in den für Buntglas?
30.8.07 13:31


Liebet "einander"

Von Bastian Sick

Wenn man liest, die Kanzlerin und der US-Präsident haben sich als offen und kompromissbereit gelobt, war dann jeweils ein Eigenlob gemeint? Die deutsche Sprache ist sehr auf "sich" bezogen. Darum hier ein Plädoyer für mehr "einander".

Im vergangenen Jahr hat der Verein Deutsche Sprache eine sogenannte Wortpatenschaft ins Leben gerufen. Prominente sollten die Patenschaft für ein Wort aus dem Fundus der deutschen Sprache übernehmen, das vom Aussterben bedroht ist oder das ihnen aus irgendeinem anderen Grund besonders am Herzen liegt.

Ulrich Wickert wählte das Wort "Freiheit". Zweifellos ist Freiheit ein kostbares, schützenswertes Gut und in vielen Ländern der Welt alles andere als selbstverständlich. Das deutsche Wort "Freiheit" indes ist keinesfalls bedroht, das war es nicht einmal unter den Nazis oder dem SED-Regime. Aber es hat einen schönen Klang, und Ulrich Wickert freut sich natürlich, wenn man seinen Namen mit dem Wort "Freiheit" in Verbindung bringt. Iris Berben entschied sich für das Wort "Silberhochzeit", das in der Tat einen schönen Klang hat und das möglicherweise eines Tages Seltenheitswert haben wird, wenn die Halbwertszeit der durchschnittlichen Ehe weiterhin sinkt.

Ich habe die Patenschaft für ein Wort übernommen, das weder für besondere menschliche Werte oder Grundrechte steht noch besonders witzig oder originell ist. Es ist nicht einmal ein Hauptwort, sondern ein Pronomen. Ich habe mich für das Wort "einander" entschieden. Warum das? Weil es tatsächlich zu den Wörtern gehört, die bedroht sind - vom Aussterben, vom Vergessen. Dort, wo "einander" hingehört, sagen die meisten Menschen einfach "sich". Das ist zugegebenermaßen auch kürzer und praktischer. Und in vielen Fällen sind "sich" und "einander" auch gleichbedeutend - aber eben nicht immer.

Wenn von Menschen die Rede ist, die sich hassen, wird nicht klar, ob damit nun unversöhnliche Streithähne oder bedauernswerte Menschen mit mangelndem Selbstwertgefühl gemeint sind. Bei Menschen, die einander hassen, ist die Verwechslung ausgeschlossen. Wenn zwei Freunde sich geschworen haben, sich nie mehr zu belügen, muss das nicht bedeuten, dass sie auch einander immer die Wahrheit sagen wollen. Es muss noch nicht einmal heißen, dass sie einander etwas geschworen haben. Es kann sich auch um eine stille Abmachung handeln, die jeder mit sich selbst getroffen hat.

Eine Leserin aus den Niederlanden wollte von mir wissen, wie es kommt, dass die Deutschen offensichtlich sich lieben, aber nur selten einander. Im Niederländischen wird nicht nur im Schriftlichen, sondern auch in der gesprochenen Sprache ganz deutlich zwischen "zich" (= sich) und "elkaar" (= einander) unterschieden. Selbst die Frage "Wann sehen wir uns wieder?" stellt der Niederländer nicht mit "uns", sondern mit "einander": "Wanneer zien wij elkaar weer?"

Bisweilen kann das Reflexivpronomen "sich" zu schwerwiegenden Missverständnissen führen, so wie im Bundestagswahlkampf des Jahres 2002. Nach dem Fernsehduell zwischen dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder und seinem Herausforderer Edmund Stoiber wurde im Radio berichtet: "Beide Kandidaten halten sich für unfähig, Deutschland zu regieren."

Diese vermeintliche Selbsteinschätzung führte zu einer tiefen Verunsicherung der Radiohörer: "Wen soll man da noch wählen", fragten sie sich bang, "wenn selbst die beiden Spitzenkandidaten zugeben, dass sie unfähig sind?"

Die Verwirrung hätte vermieden werden können, wenn der Radiosprecher gesagt hätte: "Beide Kandidaten halten einander für unfähig." Er hätte auch beim "sich" bleiben und ein "gegenseitig" hinzufügen können. Aber wozu länger und umständlicher sprechen, wenn es auch kürzer geht - und schöner?

Das Wort "einander" ist nämlich nicht nur präziser als "sich", es wertet zugleich den Ausdruck des Sprechers auf, denn es hat einen schönen Klang, es hat Melodie und einen leichten, gefälligen Rhythmus. Ein Wort, das einem auf der Zunge zergeht wie Mousse au Chocolat. Probieren Sie es mal aus, und Sie werden feststellen, wie leicht man sich an "einander" gewöhnen kann!
30.8.07 13:30


 [eine Seite weiter]



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung